10 Gründe warum Tokelau eine Arschlochinsel ist

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"Branch" - Micael Reynaud



1. Der abgeschiedenste Ort der Welt

Es gibt weder nennenswerte Transportmöglichkeiten zwischen den Atollen noch öffentliche Bauten wie Gefängnis, Hafen oder Flughafen auf den Inseln. Nur alle zwei Wochen verbindet eine Fähre in 30-stündiger Fahrt die Inseln mit Samoa.



2. Gesund Leben auf der Insel

Laut einem Bericht der WHO[3] hat die Bevölkerung von Tokelau mit 93,6 % den höchsten Anteil an übergewichtigen Menschen im Südpazifik. Die Diabetesrate liegt bei 43,6 % - wiki

slideplayer.net

Und wo wir gerade bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind, die auf der Insel 'traditionell unbekannt sind': Die Hälfte der Bevölkerung raucht fleißig Zigaretten.
Anzahl steigend:
2011 Tokelau Census - Excel tables

3. Energiewende - jeden Tag eine

Strom gab es bisher nur an wenigen Stunden am Tag - erzeugt von lärmenden Dieselgeneratoren. Der Treibstoff dafür musste Fass für Fass mit der Fähre aus Samoa herangeschafft werden - 200 Liter am Tag. Seit 2012 sorgt nun ein Solarkraftwerk rund um die Uhr für eine stabile Stromversorgung. 

Rund um die Uhr? Na, da´hat wohl einer nicht aufgepasst und versteigt sich prompt zu der AUssage: "Tokelau ist der erste Staat der Erde, der sich vollständig mittels Photovoltaik mit Strom versorgt."

In Wirklichkeit rollen da die Dieselfässer, denn mit Kokosnussöl lässt sich die Insel nicht betreiben.

"Many of our Pacific neighbours are reliant on expensive imported diesel for electricity generation and this is a barrier to developing their economies." New Zealand was committed to supporting the roll-out of renewable energy technology in the New Zealand territory of Tokelau and the wider Pacific, he said. The Tokelau Renewable Energy Project had been funded by The New Zealand Aid Programme and supported by the Government of Tokelau.
"New Zealand is advancing $7 million to Tokelau to fund installation of the systems," McCully said. Bassett-Smith said there were issues across the Pacific with the financial and environmental costs of diesel-generated energy.
"Energy costs underpin the economic and social development of these nations." Tokelau's diesel generators currently burned around 200 litres of fuel daily. About 2000 barrels were shipped in from New Zealand each year at a cost of NZ$1million. [...] During periods of prolonged cloud cover, generators that run on coconut oil will supply power and simultaneously recharge the battery bank. - NZ 

4. Fortschritt ins Informationszeitalter

Als letzter Staat der Erde wurde Tokelau im Jahr 1994 mit dem internationalen Telefonnetz verbunden. Mit einem Unterseekabel sind sie allerdings nicht verbunden. Warum auch. (Hier eine schöne interaktive Grafik, wo man drin rumscrollen kann.)


Naja, sie wollen gerne ein Unterseekabel verlegen. Sie haben dieses Jahr ein Projekt dazu begonnen, sich mit den anderen Ländern der Welt über das globale Glasfasernetz zu verbinden. "Begonnen".


5. Die TLD .tk ist die drittgrößte der Welt

Völlig einleuchtend ist daher auch, dass Tokelau mit der vergabe seiner TLD das große Geld verdienen will an wem fragt ihr, meine aufmerksamen, aber stillen Betrachter? 
Na, sicher nicht an Server-Farmen auf dem Korallen-Atoll. - Nein, natürlich an Full Spectrum Cyber Kriminellen:
The Phishing Working Group’s Global Phishing Report announced in April that the third largest number of phishing e-mails originated with the .tk extension. - GCN
nominet.uk

Jetzt  fragt ihr euch sicherlich, wer auf Platz eins ist...
There are 31 million registrations under Tokelau’s .tk, making it the world’s largest country-code domain. It’s almost as large as second and third place holders China (.cn) and Germany (.de) combined. - nominet.uk

quora.com

6. Das kleinste BIP der Welt

Auch wenn 10% des BIP aus dem Domänenenhandel entspringen reicht die Kohle hinten und vorne nicht: Ohne die 10 Millionen Neuseeländische Dollar jährlich würden die öffentlichen Betriebe zusammenbrechen. Als Teil der neuseeländischen Territorien und in Form einer Monarchie mit Elisabeth II. als Oberhaupt ist man zwar betrebt Eigenständigkeit zu erreichen, aber bisher ist dies nur bei der Platzierung im Ozean gelungen und nicht beim finaziellen Umsatz von Tokelau. 
Größte Einnahmequellen sind weiterhin:
  • Top Level Domains
  • Kopra
  • Briefmarken, 
  • Souvenir Münzen, 
  • Handarbeiten,
  • und das andere Geld, das von Verwandten aus Neuseeland geschickt wird. 
Tokelau ist mit seinen 440 Teilnehmern am Bruttoinlandsprodukt auf jeden Fall ganz vorne dabei zwischen den Playern:

GDP - per capita (PPP) 2016 Country Ranks, by Rank 

7. Das Inati System und die Generosität der Insulaner

Auch wenn die meisten Haushalte 5 bis 15 oder mehr Schweine besitzen, verdienen nur gerade 6% daran, diese Schweine zu verkaufen. Das "Haushaltseinkommen der Hälfte der Bewohner generiert"sich auch eher aus dem Inati. Die Menschen leben hier seit Jahrhunderten nach dem Inati-System, einer Art Ur-Kommunismus, in dem alles geteilt wird. 

tokelau-info.de

 Als das kleine fidschianische Handelsschiff "Ai Sokula" im Jahr 1981 bei Fakaofo auf einem Riff strandete, wurde die Ladung Bier, die als Fracht an Bord war, unter dem Inati System geteilt. Ein Teil der Ladung des Schiff war für Fakaofo vorgesehen, aber der Großteil der 3.200 Dutzend Dosen Bier an Bord sollte nach Tuvalu, wo das Schiff als nächster Hafen nach Tokelau abgeladen hätten. Die Leute von Fakaofo (sic! Den Ort Fakaofo unbedingt laut lesen und aussprechen!) behaupteten aber, das Bier vom gestrandeten Schiff als Bounty behalten zu dürfen, und das entsprach, als Inati geteilt, dem Äquivalent von siebzig Dosen pro Mann, Frau und Kind auf der Insel. Es muss eine ziemlich Party gewesen sein... (Quelle: janeresture.com)

8. Feiern der Unabhängigkeit - von Swains Island

Selbstverständlich kann nichts besser auf einer abgelegenen Südsee-Insel reifen als jemand mit europäischen Wurzeln, der sich mit einer Inselschönheit auf einem noch abgelegeneren Atoll als Tokelau niederlässt um eine Dynastie zu gründen. Auf Swains Island, welches 1856 unter dubiosen Umständen und einer Flasche Gin in den Besitz des Amerikaners Eli Hutchinson Jennings gelangte, wurde dann der Familioen besitz regiert solange es eben ging.

According to one account, the sale price for Swains was fifteen shillings per acre (37 shillings per hectare), and a bottle of gin. - wiki

Mit der Kopra-Farm vom Junior lief es imemr besser und aber ansonsten war um die Jahrhundertwende auch eher das Geschäft mit Blackbirding zu verdienen. Eli Jennings, Senior war also ganz groß im Geschäft mit den Peruanern, die immermal wieder Schiffe schickten, damit Eli ihnen die Bewohner der anderen Atolle als Sklaven verkaufen konnte. Das lief bis 1920 ganz gut, als Amerikanisch Samoa die Souveränität über Tokelau beanspruchte.

Als dann in 1953 Swains  Island die Farmer plötzlich Besitzansprüche stellten, weil sie ja das ganze Jahr über die Landschaft bewirtschafteten ("Squatters Rights"), schmiss His Majesty Mr. Jennings sie achtkant von der Insel.  Das alles könnte erklären, warum die der Tokahega Day ein Feiertag wurde.

Als sich die USA und Neuseeland einigen konnten, wie sie sich die Inseln von Samoa am besten aufteilen konnten, fiel Swains Island wieder unter die Souveränität von Tokelau, welcher selber unter der Hand von von Neuseeland steht. Der Tokehega Day ist der Feiertag, der seit dem in Kraft treten des Vertrages am 03. September 1983 gefeiert wird. Ich sehe hier zwar keinen Grund zum Feiern, aber viele andere Treatys gab es eben in Tokelau auch nicht. Eigentlich will diese Insel auch niemand haben, ausser diesen Jennings...

As of March 2007, American Samoa has not yet taken an official position, but the Governor of American Samoa Togiola Tulafono has said he believes that his government should do everything it can to retain control of the island. - wiki

Swains Island ist auch weiterhin im Besitz der Familie Jennings.  Damit das auch so bleibt holt sich der amtierende König immer frisches genetisches Material aus Samoa.  Hier beschreibt Bob Krauss in einem Artikel ganz fulminant, worauf es bei Swains Island König so ankommt:

The king of tiny Swains Island, 200 miles north of Samoa, came to Our Honolulu 32 years ago looking for a wife. I wrote a story about it, and 50 women applied for the queenship. Wallace Jennings couldn't marry any of them because they didn't know how to fish.Fishing is an absolute requirement for the queen of Swains Island, one of the most remote places in the South Seas. The queen must also know how to raise chickens and pigs. There is no store on Swains, 1 mile long by 1 1/2 miles wide, nor electricity nor air conditioning. - honoluluadvertiser.com in der Internet way back machine


9. Nach vorne drängeln

Der Südseeinselstaat Samoa sprang 2011 weit in die Zukunft: Die Inselgruppe hatte den 30. Dezember kurzerhand aus ihrem Kalender gestrichen und ging um Mitternacht vom 29. direkt auf den 31. Dezember über.

Sie wechselte damit auf die andere Seite der internationalen Datumsgrenze und brachte sich über Nacht in die Position, als erste weltweit das neue Jahr zu begrüßen: Noch bevor in Deutschland Silvestermittag ist, knallen auf Samoa gut 15.000 Kilometer südöstlich um 11.00 Uhr MEZ die Sektkorken. (Quelle: welt.de)

Das ist natürlich ein geschickter Kniff, sich scheinbar einer Gesellschaft der Zukunft anzuschließen. Dem Morgen zuzugehören und so weiter. Es ist aber auch gleichzeitig eine zeimlich große Dummheit: Als Teil von Neuseeland ein anderes Datum zu haben klignt für mich nach einem Fail.

Datums Pole Position eingenommen


10. Die Identitätsstiftende Flagge

Bisher vorgeschlagene Flaggen


1981 irgendwas hingeschissen. Wurde abgelehnt.


2007  Ein stilisiertes polynesisches Kanu mit den 4 Inseln als Sterne (jetzt inkl. Swains Island). Es fehlten 16 Stimmen zur Mehrheit: Abgelehnt.


2009 Letzter Entwurf mit dem Kreuz des Südens. Das fand sogar die Queen schön und wurde angenommen. Ist aber bisher noch nicht so richtig an die Fahnenmaste gekommen. Das war dann wohl doch nicht so wichtig. Ungefähr so wichtig wie der Coat of Arms von Tokalau:

Die Tuluma, eine Kiste für gefangenen Fisch lässt sich dabei noch symbolhaft mit dem Kanu von der Flagge vebinden. 
Der Satz darunter bedeutet so viel wie "Tokelau für Gott". Wie sich also die tiefe Christianisierung in die Heraldik geschlichen hatte, wird an der Demographie sichtbar. Wie sich die Christianisierung auf der Insel verbreitet hatte, will ich allerdings nciht so genau wissen.


2011 Tokelau Census - Excel tables



Das waren die 10 Gründe, warum Tokelau eine Arschlochinsel ist. Eigentlich braucht ihr überhaupt gar keine Gründe von mir. Ihr könnt mein Wort nehmen.


ATAFURI von TOKELAU


Rinden in Future und Past

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Rinden in Future und Past



Rinden abnutzt euch heiter
Heiter und rein 
Weh euch Rinden 
Rinden für H.J. Ziegenfuß
Ihr nutzt nicht die Zunge ab
Doch nutzt euch die Mörder ab

Ihr Rinden, ihr Reinen
Rinden für H.J. Ziegenfuß
Rinden in Future und Past!


die Rinden sind hinterlistig
hinterlistig nicht jedoch frech
doch wären sie
herrschend nicht jedoch frech
wie frech wären die Fersen
und auch Zweige

lasst euch käsen, Fersen
so wie die Rinden

lass dich abnutzen, H.J. Ziegenfuß
käsen allezeit
 Rinden in Future und Past!


die Borken sind geklaut
geklaut nicht jedoch fein
doch wären sie
vermaledeit und sei es auch fein
wie fein wären die Zähne
und auch Auswirkungen

lasst euch schwellen, Zähne
so wie die Borken

lass dich schälen, H.J. Ziegenfuß
schwellen für immer
Rinden in Future und Past!



Quelle: Poetron

1 Abnutzende Rinden für H.J. Ziegenfuß: Gedicht Nummer  7072403
2 hinterlistige Rinden: Gedicht Nummer  7072407
3 geklaute Borken: Gedicht Nummer  7072409

DER DISTRIKT (4)

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DER DISTRIKT 

Ein utopischer Roman



Epilog 

Dienstag, 24.06.2307

Ich habe mich entschlossen alles festzuhalten. Ich möchte meine Erfahrungen aufschreiben und wenn es geht an alle Menschen weitergeben. Dass ich diese Zeilen schreibe habe ich Dill zu verdanken. Dill hat mich gerettet vor den ‚Kreaturen’. Den Hämovoren, wie Dill sie nennt. Ich kenne Dill noch aus dem Distrikt, und bin auf der Flucht aus dem Distrikt auf ihn gestoßen, als er gerade im Territorium der Hämovoren war. Wir hatten Glück im Unglück, er hatte nur eine kleine Fackel und damit lassen sich die Biester nur auf Distanz halten aber nicht verjagen, sagt er. Ich habe einen Schock davongetragen. Dill gab mir Essen und Trinken und will mich zu seiner provisorischen Unterkunft mitnehmen. Da ich aber am Bein verletzt bin zieht sich die Reise um die Heilung meines Knöchels.
Ich habe die gestohlene Akte noch, aber ich habe noch nicht viel darin gelesen. Ich hoffe, dass dort alles drin steht.  Ich habe alles verloren wenn es sich bestätigt...

Mittwoch, 25.06.2307

Dill hat mich verbunden und mich zu seinem Versteck mitgenommen. Es ist eine alte Hütte, die anscheinend ganz aus Holz gefertigt ist und innen mit Stroh ausgelegt. Er sagt, dass er hier immer nur vorübergehend bleibt, da die Vigilanten hier oft ihr Unwesen treiben.
Ich habe ihn gefragt wo wir uns genau befinden. Dill meint, wir wären in einem Waldstück namens Tannenbusch, aber wäre er sich nicht sicher weil er nur Karten nach 2098 eingesehen hatte. Als Bayer bereits den Distrikt gegründet hatte. Ich glaube ich werde viel erfahren von Dill. Er hat mir erzählt wie er abgehauen ist, um zu erforschen, was außerhalb der Zaun des Distrikts ist. Seine Flucht war weit Anstrengender als meine, er wurde sogar einmal gefasst. Doch hatte r es geschafft einen Stunner aus dem Halfter der Sicherheitsleute zu ziehen und sie damit zu lähmen. Damit hatten sie nicht gerechnet, erzählt er mir immer wieder.
Er versucht nun hier draußen zu überleben, doch die Hämovoren (die ich schon kennengelernt habe) machen hier nachts den Wald unsicher und die Vigilanten tuen es tagsüber. Zudem fliegen vermehrt Patroullien über den Wald hinweg. Ich denke die Personalabteilung will uns lebend.

Nachtrag: Alles was Dill mir über diese Bewohner hier sagen kann ist, dass es nur diese drei Arten gibt: Jäger und Räuber, Wanderer und Händler und die Waldtiere. Die Vigilanten sind Menschen wie wir, jedoch haben sie keine Artikulierte Sprache. Jedenfalls vermutet das Dill, da er noch nie ein Wort verstanden hatte. Sie mussten schon ewig hier außerhalb des Distrikts leben. Demnach sehe auch ihr Äußeres aus. Er bezeichnet Sie als ‚Wolfsmenschen’ ich verstehe den Ausdruck nicht. 
Alles was er von den Hämovoren weiß ist, dass es wohl eine Art Mensch/Tier ist, die in den unterirdischen Wassergewinnungskanälen ihre Brutstätten oder Behausungen haben. Man kann sich ihrer Stätte nur tagsüber nähern, doch den Eingang zu ihren Höhlen hat angeblich keiner finden können, oder sei nicht zurückgekehrt.
Es gibt noch andere Menschen im Wald. Aber die scheuen den Kontakt, sagt Dill. Er hat schnell rausgefunden, wie man hier überlebt. Ohne Dill wäre ich tot gewesen.

Donnerstag 26.06.2307

Wir haben eine funktionierenden Brunnen gefunden und bleiben nun erst mal hier. Dill hat mir erzählt, dass die Hämovoren vermutlich etwas mit dem Distrikt zu tun haben , aber er wisse nicht welche Abteilung sich mit so etwas beschäftigen würde. Er nimmt alles ein wenig gelassener als ich.. Aber mein Fuß wird besser.
Ich habe noch mal über alles nachgedacht und Dill meine Geschichte erzählt. Dill sagt, er wird mich zu einem Mann bringen, der meine Konditionierung aufheben kann. Angeblich sei jeder Distriktbürger einer ständigen Konditionierung unterworfen, der er sich nicht entziehen kann. Es wird sogar eine Art Abhängigkeit im Körper aufgebaut, die die Macht der Konditionierung über den Geist UND den Körper verstärkt. Dill sagt das ist der grund warum ich manchmal ungewollt einschlafe: Mein Körper reagiert of Infraschall mit Müdigkeit, da die Konditionierung Müdigkeit vorschreibt. Ich kann es mir noch nicht ganz vorstellen aber es kommt mir plausibel vor. Dill sagt erhätte es rausgefunden als die Tiere beobachtet hatte, während er einschlief. Sie können das auch wahrnehmen. Der Distrikt benutzt also so etwas als Kontrollmittel.
Wir wollen heute noch bei dem Brunnen bleiben und den morgigen Tag abwarten. Ein Händler soll morgen außerhalb des Waldes anzutreffen sein und en wollen wir finden.

Freitag 27.06.2307

Es regnet heute und ich habe nichts anderes als meine Kleidung an, die ich auch zur Arbeit trage. Ich fühle mich beschissen. Die Akte ist aufgeweicht und ich habe mich nach den Geschichten von Dill nicht getraut auch nur einmal reinzuschauen. Ich habe erfahren, dass das Distrikt doch nicht so groß ist und dass ein Großteil davon auf der anderen Seite des Flusses liegt, den die Wanderer hier Rhein nennen. Wir haben heute ein Mann getroffen, der aus dem Norden bei Nordhorn gekommen ist um in den Süden zu reisen. Dill erklärte ihm alles notwendige für seine Reise um das Distrikt herum und unsere Wege trennten sich wieder. 
Ich habe Dill gefragt, was er damals vermessen hatte vor seinem Haus und er erzählte mir, dass er auf Unterlagen für Bauprojekt gestoßen ist, welches eigentlich schon längst hätte anlaufen sollen. doch das Wohngebiet Herrman-Gmeiner-Straße sei genau auf der Baufläche gewesen. Also startete man ein Projekt zur Umkonditionierung. Nach und nach verschwanden die Nachbarn und wurden irgendwo anders Teil eine neuen Wohnsiedlung, eines neuen Betriebes. Dill sagt, dass im Distrikt alles von langer Hand geplant wird, und das manche Pläne wohl schon weit über hundert Jahre alt sind. Das Bauprojekt hätte sich dadurch enttarnt, dass die zeitliche Koordination nicht gestimmt hatte. Erst fingen die Bauarbeiten auf der Straße an, dann verschwanden erst nur ein Teil der Anwohner, dann gab es Fehler bei der Konditionierung der anderen Anwohner. Es lief wohl fast alles schief was hätte schief laufen können. Er meinte ich sei sehr stark Konditioniert. Ich denke das nicht, wie sonst hätte ich mich aus diesem Gefängnis befreien können? Ich hätte das nicht erkannt, was auf der Straße vorgegangen sei. 


Samstag  28.06.2307

Wir sind heute zu dem Mann aufgebrochen der mich umkonditionieren sollte, aber er war nicht wie sonst am vereinbarten Ort. Es ist schwierig hier draußen jemanden zu treffen. Ich glaube würde ich Dill verlieren, würde ich mich nicht zurechtfinden und sterben.
Apropos mein Fuß ist wieder völlig in Ordnung. Wir hatten gestern nacht eine kurze Begegnung mit dem Hämovoren. Dill vermutete, dass sie eine Spur Intelligenz haben und uns deshalb gefolgt sind. Wir müssen deshalb weiter und den Mann an einem andern Ort suchen.

Sonntag, 29.06.2307

Es ist wieder gutes Wetter und alles richtet sich zum besten. Wir haben den Mann gefunden der meine Konditionierung aufheben soll. Er wohnt in einem Baumhaus, einer mächtigen Eiche. Dill ist neidisch, denn er wüsste nicht wie er ein solches Baumhaus bauen sollte.  
Der Mann heißt Ulf. Er ist schon alt, aber er weiß eine Menge, was den Wald betrifft. Er ist zu Mittag losgezogen die notwendigen Dinge mit Dill zu sammeln, die man für die Umkonditionierung braucht. Er sagt, es hätte alles mit der natürlichen Harmonie zu tun. Dill erklärt es so, dass der Körper einmal in eine Art Schock versetzt, durch einen Schlüsselreiz, bestimmte Verdrängungen in Gang setzt, bzw. sogar Realitäten verschwimmen. Man kann also einer Peson im Distrikt mit den richtigen Reizen alles suggerieren. Es hat mich beängstigt und gleichzeitig eine Erklärung für Karl geliefert.
Das hatte mich neugierig gemacht und ich kramte die Akte aus der Tasche. Ich habe sie vorsichtig zum Trocknen aufgehangen, damit kein Blatt beschädigt wird. Manche Seiten sind sehr angegriffen, ich hätte mich beeilen sollen mit dem Lesen. Spätestens morgen werde ich es lesen.
Nachtrag: Dill und Ulf sind nicht zurückgekehrt, ich weiß nicht wie man das Baumhaus besteigt, ich bin erneut verzweifelt.

Montag 30.06.2307

Es ist nun Mittag und beide sind immer noch nicht zurückgekehrt. Ich mache mir ernsthafte Sorgen, nicht nur um die beiden. Ich habe es aber geschafft in das Baumhaus zu gelangen. Es ist sehr hoch und klein, aber es ist geschützt und sehr gemütlich. Ich werde hier für die nächste Zeit bleiben. In einigen Töpfen habe ich Essbares gefunden. Wasser habe ich noch genug von Dills Flaschen.

Dienstag 31.06.2307 bzw. 01.07.2307

Ich weiß nicht mehr ob heute der 31. ist oder der 1. ich kann es nicht sagen, aber Dill ist zurückgekehrt. Er hat mir erzählt, dass sie Hämovoren begegnet seien, die sich bis an die Distrikt Grenze herangewagt hätten. Hämovoren vertragen aber kein Licht, nicht einmal künstliches. Sie sind ausschließlich Nachtlebewesen. Er und Ulf sind in einganzes Rudel geraten und nur knapp entkommen. Ulf ist allerdings an irgendetwas gestorben, auf dem Weg zurück. Dill glaubt, es sei eine Krankheit, der Hämovoren, und befürchtet schon das schlimmste.
Aber meiner Konditionierungsaufhebung steht nun nichts mehr im Wege. Dill, weiß wie das geht, behauptet er zumindest. Sie haben bestimmte Pilze gesammelt, die einen Halluzinogenen Effekt auf meine Psyche haben, und das soll aus der Psychose der Konditionierung heraushelfen. In Kombination mit verschiedenen Salben aus Heilkräutern, die Ulf angefertigt hatte, soll sich meine Konditionierung lösen und ich ein ganz andere Mensch werden. Heute Abend ist es soweit. Vielleicht lese ich auch die Akte noch vorher. Dill sagt meine Konditionierung wird das schon verhindern.

Der darauffolgende Mittwoch:

Ich habe die Akte gelesen.
Wenn ich mich betrachte, und dabei nicht das Bild meinerselbst aus den Augen verliere, welches in meinem Kopf schon immer existierte, dann frage ich mich: Bin ich jetzt ein Narr oder bin ich gewesen? Das ist die andere Seite meiner Forschungen? Aber war es an irgend einem Punkt zum Selbstzweck geworden? Ist dieses Leben zur kontemplativen Rolle für  mich geworden? 
Ist es zur Norm geworden die Menschen in ihren Lebensraum zurückzudrängen und gerade soviel Platz zu lassen wie ein Hamsterkäfig Raum bietet. Aber die ersten Schritte der Menschen waren damals richtig gewesen. Rechtssysteme, die zum erstenmal mit einer direkten Politik und Steuerung in Verbindung gebracht wurden. Durch Distrikte in privater Hand bleibt alles unter Ordnungsgewalt – ohne Verzögerung oder Wartezeiten.
 Direkte Politik bedeutet ebenfalls keine Fluchtmöglichkeit für das Individuum. Ein Universeller Umschluss über alle Lebensbereiche des Bürgers. Es gibt keine Chance nicht mitzuziehen. Das Geschäftsleben lässt keine Chance für Inflexibilität offen. Ganz im Gegenteil, die Politik ist zu einer Hure der Wirtschaft geworden, und damit auch die Bürger. Damals musste das als der Durchbruch erschienen sein, ‚eine ganz andere Staatsform’ auf die Welt gewartet hatte. Aber der Mensch hatte Abstriche dafür machen müssen und dieser nicht zu wenig. Zumal der Prozess des Übergangs, die Phase in der der Konzern in die Kommunal-Politik eingestiegen ist um sich über Jahrzehnte hinweg Macht und Verantwortung zu erspielen, noch am drastischsten Geschah. Heute liegt alles Selbstverständlich, wenn auch mit verborgenen Ängsten verbunden. Ein Druck der jeglichen Ausbruch verhindert oder wenn nötig auffangen kann. Aber die Menschen sind zufrieden und ignorieren ihre Freiheiten. So liegt Selbst die Erziehung in ‚ihrer’ Hand. Alles notwendige Wissen wird in genau berechnete Bissen zerteilt und durch die Lehrmaschinen verfüttert. Das ist der Gipfelpunkt aller Kontrolle. Die Einflussreichen mussten jetzt wohl in den Tiefen ihrer Büros wie Irre lachen.

Aber auch das hing wahrscheinlich mit der Natur des Menschen zusammen: Er musste gleichzeitig in allen Richtungen so weit gehen, wie er konnte. Auch zu seinem Untergang. Ein angeborenes Prinzip der Selbstzerstörung.

Oder notwendige Dialektik? Die alten Kämpfe bewältigt, brauchte er einen neuen, den er sich selbst schuf? Vom Unbewussten der Notwendigkeit für fortgesetzte Anstrengung gesehen. Ein unerwartetes Ende einer Entwicklung, ein Ende für den langen Klassenkampf, in  der der Mensch eine Form erfand, der er nicht mehr entkommen konnte. Ein System, dass so greift dass kein Spielraum mehr ist?

Das Rauschen verändert sich. Der Wind dreht. Es ist warm und trocken. Ich bin  hungrig. Ein klassischer Fall der Grundtriebe in ihrer traditionellen Reihenfolge. Wärme und Unterschlupf suchen, Nahrung , dann Sex. Nur mit Glück kann ich bei drei Versuchen zwei Treffer buchen. 
 Aber noch etwas anderes tritt dazwischen, und in meiner analytischen Stimmung erkenne ich, dass es etwas ist, wovon die Restriktive schon nichts mehr versteht. Die Neugier veranlasst mich zu einem Aufstieg auf das Dach.

Ich gehe zur Luke und schaue zu einem Himmelsquadrat hinauf. Merklich heller. Die Dämmerung meldet sich. Wahllos verstreute Sterne. Ich sehe klar.

gez. Jan VanGaater

DER DISTRIKT (3)

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DER DISTRIKT 

Ein utopischer Roman



Drittes Kapitel

Jan war erschöpft. Er wusste nicht wo er war noch wusste er aus welcher Richtung er kam. Alles war dicht mit Wald besiedelt. so natürlich und gesund, wie er es nie gesehen hatte. Er musste die Füße oft heben um über alle Blätter und Äste zu steigen, die überall lagen. Es war alles ungewohnt in diesem Wald. Er war noch nie in einem gewesen. Er gestand sich eine Verschnaufpause, nachdem er lange nichts mehr gehört hatte. Aber die Hoffnung, sie abgeschüttelt zu haben hatte er noch nicht. Er beschloss sogar sich hinzusetzen, weil er plötzlich sehr erschöpft war. Er setzte sich gegen einen Baum und seufzte laut. Für einen kurzen Moment nur legte er seinen schweren Kopf auf die Beine. Im nächsten Moment schlief er ein.

* * *

Es war nacht und Jan öffnete seine Augen. Sein Rücken schmerzte und seine rechte Wade wollte sich verkrampfen. Zu allem Unheil war sein Bein durch die unkomfortable Sitzposition eingeschlafen und er hatte weder Gefühl noch Kontrolle darüber. Sein ärgstes Problem war aber die Sicht und die Orientierung. Er hörte Geräusche aus der nähe und der Ferne konnte aber keine Laute differenzieren. Er wollte aufstehen, doch er war noch zu steif. Er rieb sich den Rücken und stöhnte laut. Als er stand berührte ihn der Hauch der kalten Angst als er die Schreie eines Mannes hört. Laut, schmerzverzerrt und in der nähe. Jan stand wie angewurzelt da und hatte den Terror in Mark und Bein. Es waren die Schreie eine verzweifelten Mannes. Jan wollte wieder in den Distrikt. 

 Er suchte nach seiner Tasche und wäre beinahe wahneinig geworden, als er sie nicht finden konnte, doch hatte er drauf gesessen. Er packte sich die Tasche und floh von diesem schrecklichen Lärm so schnell er konnte. Er wollte so schnell wie möglich aus diesem schrecklichen Ort, wie er gruseliger nicht sein konnte. Über ein Ast stolpernd fiel er der Länge nach hin. Er schlug hart mit dem Kopf auf und fühlte eine Wunde an seiner Stirn. Ihm war schwindelig. Er griff nach einem schweren Ast, benutzte ihn als Stock und stand wieder auf. Ein wenig benebelt, ging er weiter und war sich wieder nicht sicher ob es die richtige Richtung war, der Wald ließ keine Chance auch nur ein wenig Orientierung zu finden. Er kam besser voran, doch wurden die Schreie des Mannes nicht leiser. Im Gegenteil, sie wurden lauter und zudem veränderten sie sich. Es hörte sich nun so an, als würde jemand wütend schreien. Jan ging so schnell wie möglich. Der nächste Schreck war zu groß für ihn. Er sah in der Dunkelheit nicht vielmehr als einen blutig gekratzten Mann mit einer kleinen Fackel, nicht größer als ein Kienspan, der wild um sich schlug. Jan konnte nicht erkennen, gegen was sich der Mann zur Wehr setzte, denn wenn er in die Richtung sah blendete ihn schon das kleine Feuer. Er wusste nicht ein noch aus, als von etwas großem gestriffen wurde, dass knapp an ihm vorbeigerannt war. Ein leuchtend rotes Augenpaar blickt ihn aus einer Entfernung von etwa zwanzig Fuß an. Dann sieht er ein zweites und ein drittes. Sie öffnen sich und schließen sich kurz. Jett erst realisierte er das bestialische Fauchen, dass diese Dinger ausstießen. Es war kaum zu hören, weil es so hell ist, dass es an die Wahrnehmungsgrenze stößt. Eines der Viecher kam auf ihn zugesprungen und Jan verlor wieder das Bewusstsein.



hier gehts weiter:  DER DISTRIKT (4) - Epilog

DER DISTRIKT (2)

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DER DISTRIKT 

Ein utopischer Roman

DER DISTRIKT (0) - Prolog
DER DISTRIKT (1) - Erstes Kapitel
DER DISTRIKT (2) - Zweites Kapitel
DER DISTRIKT (3) - Drittes Kapitel
DER DISTRIKT (4) - Epilog



Zweites Kapitel



Als er Karl am späten Nachmittag per Vid-Schirm von Zuhause aus dem Organigramm strich, fühlte er sich alleingelassen und ausgelaugt. Er konnte nicht anders du hatte auch mit Karl darüber nicht reden können, geschweige denn reden dürfen.

Er sackt auf dem Sofa zusammen. Das kann doch nicht wahr sein, dass alles um einen herum zerfällt. Er lässt sich auf einige wilde Gedanken ein. Er sieht vor seinem inneren Auge wie Dill seinen Plan im Vorgarten ausheckt. Er denkt an die nun leere Wohnung und an Dill, der jetzt irgendwo in seiner neuen Wohnung lebt, in seinem neuen Betrieb arbeitet und wahrscheinlich sein Veränderungen genießt. Jan fragt sich in welchen er Distrikt er denn wohl gewechselt ist. Da die anderen in Konkurrenz zum Bayer Distrikt stehen. Es muss sehr schwierig gewesen sein sich aus dem Lebensvertrag rauszulösen. Sicher musste er das Haus vollständig aufgeben um die Vertragauslösung zu bezahlen. Sicherlich hat er jetzt eine Prol-Wohnung, wie sie südlich vom Gebiet 21 lagen; die einen Großteil der einfachen Arbeiter  des Werks aufnahmen. 

Es war nicht nur der Fakt, dass in der Straße, in der vorher acht Familien wohnten jetzt nur noch 3 wohnten, nein vielmehr war es der Verlust von Karl in seinem Berufsalltag und Dill in seiner Freizeit, die ihn beschäftigten. Er hatte nun niemanden direkten als Ansprechpartner wenn es sich um ein persönliches Gespräch handelt. Er hatte niemandem dem er seine Gedanken anvertrauen konnte und inzwischen war der Druck gewachsen. Sein Potential auf der Arbeit war gewachsen. Er füllte seine Stellung mehr als glänzend aus. Aber was nicht mitwuchs war die Selbstverständlichkeit der Dinge. Ihm wurde nicht klar warum alle ihre Häuser am Waldrand aufgaben, es waren die besten Wohnungen der Mittelklasse. Seine Gedanken lagen förmlich wie Blei auf ihm und Jan konnte ihnen nicht entrinnen. 

Christine war an dem Nachmittag nicht da und Jan überredete sich selbst noch einmal bei Dills Wohnung nach dem rechten zu sehen. Er wusste Dill würde jetzt nicht plötzlich da stehen und ihm einen schönen Abend wünschen, er wusste auch dass dort noch niemand eingezogen war. Trotzdem wollte er noch einmal dorthin. Die Vordertür war seltsamerweise abgeschlossen, aber die Garage stand offen. Sie war komplett leer geräumt. Vorher hatten sich Unmengen von Krempel darin befunden. Von sperrigen alten Schränken, bis Elektroschrott und Gerümpel hatte Dill alles hier gelagert. Wahrscheinlich hatte er auch hier seine Verrückten Ideen gebastelt. Jan steht in der Einfahrt als Blaulicht aufleuchtet und von der Straße ein W.E.R.K.S.C.H.U.T.Z.-Auto auf die Einfahrt zurollt. Ein Mann steigt aus, der sofort seine Taschenlampe in Jans Gesicht richtet. Es war nicht völlig dunkel aber Jan konnte sein Gegenüber nicht erkennen. Er wusste aber mit wem er es zu tun hatte. 

 „Sie streunen hier herum? Gehen Sie bitte aus der Einfahrt und legen sich auf den Boden!“ Seine Worte klangen hohl, wie tausendmal aufgesagt, aber mit Nachdruck und in autoritärem Ton. Jan erhob die Hände und ging auf den Mann zu. Er hatte sogar einen Helm mit Visier und wahrscheinlich sogar schwere Sicherheitskleidung. Er sah aus wie ein kleiner Soldat, als er die Taschenlampe mit einem Handgriff in seinem Gürtel verstaute um mit dem nächsten den Stunner hervorzubringen. „Ich warne Sie ein letztes mal: Legen Sie sich auf den Boden !“ Jan nahm es hin und kniete sich zunächst um sich vor der Garage auf den Boden zu legen. Er bemerkte ein weiteres Fahrzeug eintreffen aber konnte nicht erkennen was es ist.  „Geben Sie mir Ihre ID!“ ruft der Sicherheitsbeamte ihm laut zu. Jan, wie ein Schildkröte, verdreht seinen Arm bis er an seine ID in der Hose kommt. Er reicht sie sichtlich ungelenk an den Polizisten. Minuten vergehen, bis ihm der Mann gestattet aufzustehen und schnellstens in seine Wohnung zu verschwinden. Es hat lange gedauert, bis er ihn als Nachbar identifiziert hatte. „Sagen Sie mal ist ihre ID abgelaufen?“ fragt ihn der Wachmann hinterher. „Nein, nicht dass ich wüsste – ich habe meine neue Stellung auch erst seit einer Woche!“ Der Wachmann blickt ihm weiter misstrauisch hinterher.

Von zuhause aus beobachtet er weiter den Wachdienst W.E.R.K.S.C.H.U.T.Z. Beide Männer sind nun ausgestiegen und unterhalten sich mit den anderen im fremden, zweiten Wagen. Jan kann nicht erkennen wer im wagen sitzt aber müssen mehrere Personen sein und höhere Positionen als der Wachdienst, da sich der Polizist zum hinteren offenen Fenster des Wagens beugt um zu sprechen. Durch die weiter stetigen Arbeiten auf der Baustelle bleibt ihm auch keine Chance Gesprächsfetzen aufzufangen. Alles sehr suspekt. Das hat es noch nicht gegeben in ihrer Straße. Ganz am Ende der Straße brannte noch Licht und zwei Häuser hinter Dill und dem Auflauf löschte jemand gerade sein Licht und ließ die Rollladen herunter. In diesem Moment wurde er Zeuge einer dubiosen Handlung. Er beobachtete wie einer der Bauarbeiter sich aus der Baustelle entfernte und in eines der leeren Häuser hinter Dills Haus ging. Er ging einfach in die Tür und verschwand darin. Beinahe hätte er es nicht mitbekommen, doch jemand stieg aus dem fremden Wagen, auf der Seite des Beifahrers aus und betritt ebenfalls die Wohnung. Jan wurde müde und gähnte. Er beobachtete wie das Licht im ersten Haus ebenfalls erlosch und gähnte ein zweites mal, intensiver. Die Polizisten lösten sich vom fremden Wagen und funkten nun mit ihren ComGeräten an ihrer Sicherheitskleidung jemanden an. Man sah kleine Dioden aufleuchten auf den Kontrollen ihres Headsets. Jan fielen die Augen zu, warum war er plötzlich so müde geworden? Er musste seine Sinne bei sich halten, die ganze Szenerie war zu spannend um jetzt einfach schlafen zu gehen. Er lehnte sich mehr gegen die Wand und duckte sich um an einem Regal abzustützen. Mit schläfrigem Blick schielte er unter dem Vorhang des Fensters durch. Jetzt fuhr der dunkle Wagen beiseite und parkte in einer Bucht, aber keiner stieg aus. Ein dritter Wagen fuhr in die Straße, aber es war ein Wagen der Baufirma und er hielt auch direkt vor der Baustelle. Plötzlich hörte er hinter sich Geräusche.  Er versuchte hinter sich zu blicken, doch seine Müdigkeit spielte ihm einen Streich, er glitt an der Wand nach unten und sackte auf den Boden. Er drehte seinen Kopf und sah ein dunkle Gestalt im Garten beschäftigt. Doch er war einfach so schläfrig geworden, dass er nicht mehr eines seiner Augen offen halten konnte. Er hörte noch wie jemand ein Tür öffnete.


* * *


Jan erwachte auf. Er öffnete die Augen und setzt sich sofort auf. Er befand sich in seinem Bett und neben ihm lag seine Frau. Es war der  Wecker, der sein Bewusstsein in die frühen Morgenstunden bestellt hatte. Das anomale Geräuschmuster des Weckers hob sich aus der Masse der Laute ab, die von draußen hereingeweht wurden.  Er rieb sich das Gesicht. Er wusste sich nicht zu erinnern was er gestern Abend gemacht hatte, dass er sich jetzt so zahnig fühlte. Es hatte eine Einschneidende Veränderung gegeben, doch er wusste nicht wo. Es lag in der Luft und gestern hatte er es gerochen. 
Er machte sich fertig für seine Schicht. Im Betrieb war alles wieder im Normzustand. Die Anlage wurde einfach gefahren ohne Probleme oder Engpässe. Seine Forscherlaune vom Vortag hatte sich aber noch nicht gelegt. Er ging zum Vorarbeiter der Schicht und erklärte ihm, er müsse noch einmal in die Pause. Er entschied sich, bei dem Pförtner seiner Anlage auszuchecken um ein paar Informationen mehr zu sammeln. Er ließ es sich als Amtsgang in seinem Tagesbericht eintragen und von seiner Arbeitszeit abziehen. Anstelle der Verwaltung suchte er das Zentral-Archiv für den Bereich C auf. Dort wurde alles gespeichert und festgehalten, was je im Gebiet C passierte. Er erhoffte sich Antworten aus den benutzerfreundlichen Terminals herauszubekommen. 

Es war kein öffentliches Gebäude und schon gar nicht jede Information stand jedem frei zur Verfügung. Die ID-Card regelte für jeden Menschen im Distrikt die gesamte Bandbreite an Restriktionen. Man konnte Sicherheitsbarrieren der Stufe 4 nicht als einfacher Prol durchquere, auch wenn er im Dienst war. Grosse Teile des  Werks wurden auch nicht selten abgesperrt und mit solchen Barrieren belegt. Es kam vor, dass man mit der Werksbahn, abgesperrte Gebiete umfahren musste; oder man musste sie durchfahren, allerdings wurden dann immer die Scheiben verdunkelt und bei Tag mit Beleuchtung gefahren. Alles zur Sicherheit gegen Werksspionage.

Die Terminals waren sehr spartanisch. Lediglich eine Tastatur und ein Flacher Bildschirm wurden dargeboten. Man konnte in einen Schlitz unterhalb der Tastatur seine ID-Card einführen und der Computer filterte für den Benutzer relevante Informationen heraus und ließ gesperrtes Material außen vor. Jan gab „Baupläne C21, Johann-Gmeiner-Strasse“ ein.  Er wollte etwas überprüfen, von dem er glaubte am Vortag noch sicher gewesen zu sein. Ein Statusbalken macht ihm Bericht vom Fortschritt der Suche im Archiv. Die silbergrauen Tische glänzen noch wie seit ihrem Einbau. Der Raum war sonst leer bis auf de unbestuhlten Terminals. Er fühlte sich aber ganz nah seinen Bestätigungen.

Aber er fand nichts. Entweder verweigerte das System ihm die Auskunft oder es gab wirklich nicht interessantes zu erfahren. Letzteres konnte er sich nicht erklären. Auf dem Weg zurück traf er vor seiner Anlage Karl, aber er sah ganz anders aus. Er war viel hagerer geworden und sein Gang war tranig. „Karl! Grüß dich!“ Jan rief quer über die Straße. „Karl, so bleib doch stehen.“ Jan fuhr mit seinem Lastenrad wieder schnell. Er wollte Karl einholen. Als er näher kommt sieht er einen Mann, der Karl ähnelt, aber der eher wie der ältere Bruder von Karl aussieht. Er war phlegmatisch und von seinen Gedanken eingenommen, so dass Jan gar keine Reaktion von ihm bekam. Inzwischen war sich Jan auch nicht mehr sicher ob es Karl wirklich war. Er blieb stehen und musterte den Menschen, der sich wieder von ihm entfernte. Das musste Karl sein, niemand sieht so aus wie, das hätte Jan gewusst. Er steigt wieder auf und fährt bis neben ihn. „Karl“, beginnt er wieder. „Bist du es nicht?“ Der Mann blickt ihn an und Jan konnte ihm in die Augen sehen. Es war nur eine kurze Verbindung. Er sah im tief in die Augen, er konnte sein Innerstes erkennen; jedenfalls glaubte Jan das. Er sah Schmerz und Trauer. Aber Genauso sah er Hilflosigkeit und Vergessen. Ein Vergessen, das diesem Mann nicht erlaubt sich wieder an seinen ehemaligen Arbeitskollegen überhaupt zu erinnern. Der Mann ging weiter als Jan anhielt und ihm der Atem stockte. Es war eine Begegnung der besonderen Art. Es erinnerte ihn an den Mann eines morgens in der Messwarte, der den selben Blick hatte. Als er gerade wieder losfahren wollte um diesem Karl noch einmal nachzusetzen. Wird er hart am Arm gegriffen. „Bleiben Sie bitte stehen, hier wird eine Stufe 5 Barriere aufgebaut und ich kann Sie nicht durchlassen.“ Ein Mann vom W.E.R.K.S.C.H.U.T.Z. hatte ihn bei der Arbeitskleidung. „Ich denke nicht dass Sie hier lang kommen, also drehen Sie schleunigst um.“ Als Jan sein Gesicht vom Wachmann in Richtung Karl abwendete, war Karl fort und nicht mehr auf der Strasse.


In der Messwarte, spricht er den Vorarbeiter an: „Mir ist gerade etwas seltsames passiert: Ich habe gerade Karl getroffen. Den alten Karl.“ Er versuchte zu lächeln und schlug ihm brüderlich auf die Schulter, doch irgendwie konnte sein Vorarbeiter seine Begeisterung nicht teilen. Er blickte zu ihm auf und sah ihn einfach nur an. Jan ging von seinem Pult weg. Er verstand es als ablehnende Geste, doch fand er es höchst merkwürdig. Hatte es was damit zu tun, dass er Karl damals hatte gestrichen? War ein Gruppentenor gegen ihn entstanden, oder war es nur der Vorarbeiter? Im Augenwinkel bemerkt Jan beim herausgehen, dass der Vorarbeiter zum Hörer greift und eine Meldung abgibt. Jan rieselte es kalte Schauern herab, als er sich der Situation bewusst wurde. War man seiner kleinen Investigation selbst auf die Schliche gekommen? Er hatte sich keine Viertelstunde von der Arbeitstelle entfernt. Hatte man seine kleine Ausrede durchschaut? Er konnte es sich nicht erklären. Sogar sein Vorarbeiter machte über ihn Meldung. Verhielt er sich anderen gegenüber sonderbar? Oder anders als sonst? Er quälte sich mit Zweifel.

* * *

Er beschloss Hinterfürth aufzusuchen, obwohl es nicht von ihm verlangt wurde. Er wollte ihn zur Rede stellen, was das alles zu bedeuten hatte. Es gingen einfach zu viele seltsame Dinge vor sich. Er ging in den Korridor für die Büroangestellten, dort war es ausnahmslos ruhig. Keine Sekretärinnen an ihren Pulten. Er klopfte dezent an die Tür des Anlagenleiters Hinterfürth. Es war nichts zu hören. Jan drückte die Klinke herunter und tat vorsichtig einen Schritt weit ins Zimmer, um zu erkennen, dass niemand da war. Jan ging bis vor den Schreibtisch und wieder war alles voller Papierkram. Er dreht den Kopf um de Buchstaben richtig herum lesen zu können. Mehrere Zettel mit Anträgen für diverse Dinge, unter anderem Anträge auf  Versetzungen. Das machte ihn neugierig. War sein Name dabei? Versetzungen, die vom Chef ausgehen, sind wenig vorteilhaft für den Betreffenden, weil es immer um eine Abstufung geht.  Kein Zettel über ihn, aber etwas anderes fing seinen Blick. Es war Karls Akte auf dem Tisch. Noch zugeklappt, aber griffbereit. er schlug die erste Seite auf. Personalien. Foto. Vita. er blätterte m, die Stellen suchend , die die letzte Woche beschreiben. Diese Seiten fehlten. Sie waren nicht in der Akte. Also mussten sie noch unter den restlichen Zetteln und Papieren auf dem Tisch sein. Jan fühlte sich beobachtet und klappte die Akte einfach wieder zu. Ihm fielen weitere Blätter herunter und die Unordnung auf dem Tisch wurde etwas kleiner. Er hob die Blätter auf und wollte sie auf den Stapel legen, als er wieder auf eine Akte blickt. Etwas von höchster Stufe. Es musste Sicherheitsstufe sechs oder sieben sein, er konnte es nicht genau erkennen. Er kramte die restlichen Zettel beiseite und schlug den Ordner auf.

* * *

Mit angespannten Nerven kleidet er sich um. Die Dusche hatte er ausgelassen um als einziger in der Umkleide zu sein. Er versteckte die Akte immer noch in seinem Arbeits-Overall und verstaute sie nun vorsichtig in seiner Arbeitstasche. Das war höchst brisant. Mit diesen Akten in der Hand durfte er nicht erwischt werden. Er hatte nur wenig erhaschen können, doch was er gelesen hatte, reichte ihm als Grund für diesen dreisten Verstoß gegen jedes Reglement. Es war mehr als bloße Information, es war eine Bestätigung seiner Vermutungen. Er packte seine Tasche mit allen Sachen voll und brach auf. Er verließ die Umkleide und die Anlage, setzte sich af sein Rad und fuhr los. Vorbei an riesigen Aufbauten aus VA und Tragegerüsten aus gegossenem Metall. Er fuhr an den Urethan Kolonnen vorbei und bemerkte, dass er von einem Auto verfolgt wurde. Er bekam es mit der Angst zu tun. Er hielt die Arbeittasche mit einem Arm umklammert, während er fuhr. Er wurde schneller in der einsamen Hoffnung, das Auto würde von ihm ablassen oder abbiegen. Vielleicht wollte es auch gar nichts von ihm und er machte sich umsonst verrückt. Aber das Auto holte auch nicht auf. Am Tor überlegte Jan ob er absteigen sollte oder einfach durch die Fußgängerseite fahren. Denn die war zwar bewacht aber immer offen für heimkehrende Arbeiter. Er wollte gerade die freie Durchfahrt genießen, als ein W.E.R.K.S.C.H.U.T.Z.- Bediensteter herauskam und es ihm schwierig machte durch den Weg zu gelangen. Er dachte auch nicht mehr ans Stoppen. Er gab Gummi und wollte nur nach Hause. Jan war am Schwitzen vor Anstrengung, sein Puls beschleunigte noch aber innerlich waren seine Gedanken, weit entfernt von dieser Hetzjagd. 

 Inzwischen hatte es das Auto geschafft durch das Tor zu gelangen und nahm weiter Verfolgung auf. Immer wieder blickte Jan zurück zum Tor, in Erwartung dort würde gleich eine ganze Brigade des W.E.R.K.S.C.H.U.T.Z. herausmarschieren um ihm nachzusetzen. Im grauste. Er bog ein und bremste mit einem mal scharf. Beinahe wäre er gegen eine Einzäunung gefahren. Eine Einzäunung die verhindert, dass er zu seinem Wohnbezirk kam. Wenn er nur um die Ecke ging, dann könnte er sein Haus schon sehen. Er entschied sich für den direkten Weg. Stieg ab und lehnte das Fahrrad gegen den Zaun. Er ging schnell. Schneller als, dass man es als’gehen’ bezeichnen könnte. 

Wieder traf ihn der Schlag doch diesmal so hart, dass er beinahe umgekippt wäre, statt dem Haus, wo er immer gewohnt hatte, standen dort Baumaschinen, die das Erdreich aushoben. Riesige Bagger und eine Menge Bauarbeiter, die sich um den Aushub kümmerten. Sein Haus war weg, vermutlich abgerissen, doch wo war seine Frau. Nachdem was er in der kurzen Zeit über Karl in der Akte in Erfahrung bringen konnte, wusste er, dass er sie für längere Zeit das letzte mal gesehen hatte. Vermutlich war auch seine Frau in eine der Centern verfrachtet worden. Vermutlich war auch Karl da.
 Einer der Bauarbeiter wurde auf ihn Aufmerksam. Jan sieht nur wie er auf ihn zeigte. Er machte keine hastigen Bewegungen, versuchte aber  auf dem sandigen Untergrund möglichst schnell fortzukommen. Er umklammerte immernoch seine Arbeitstasche. Hinter ihm schrieen die Bauarbeiter inzwischen etwas undefinierbares zu ihm herüber. Jan blickt sich um, es laufen sogar die Leute aus dem Auto hinter ihm her. Sie waren inzwischen ausgestiegen und setzten ihm nach. Ein Bagger rollte sogar los, war aber viel zu langsam. Trotzdem bildete sich Jan ein, das Geräusch von rollenden Fahrzeugen hinter sich zu hören. Er rannte einfach weiter über das unplanierte Bauland, wo früher die Straße war, wo Häuser standen, wo Bäume standen und die Grenze von C21 war. Er rannte immerfort mit panischer Angst, die Rufe in seinem Nacken, er bildete sich Hubschrauber über ihm zu hören, sah aber keine, weil er sich in einen Wald geflüchtet hatte. Er dachte nicht darüber nach, aber das Schicksal spielte ihm das Loch in der Distrikt-Umzäunung just auf dieser Baustelle zu.  Er rannte immer noch. Ungeahnte Reserven machten sich freie, als er Megafon-verstärkte Stimmen, mit Drohungen und Rufen hörte. Er konnte es sich auch eingebildet haben, aber Fakt war, dass es ihm den Antrieb gab zu laufen. Seine Angst war sein Motor. Zurück konnte er erst mal nicht. Vielleicht später. Davor hatte er noch mehr Angst. Vielleicht.

DER DISTRIKT (1)

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DER DISTRIKT 

Ein utopischer Roman

DER DISTRIKT (0) - Prolog
DER DISTRIKT (1) - Erstes Kapitel
DER DISTRIKT (2) - Zweites Kapitel
DER DISTRIKT (3) - Drittes Kapitel
DER DISTRIKT (4) - Epilog



Erstes Kapitel


Jan hatte keinen Treuekonflikt darin erblicken können, dass er Angaben über außerdienstliche Interessen das Nachbars machte. Alle Bürger hatten die Pflicht, jegliche Normabweichung, von der sie Kenntnis bekamen, sofort zu melden.

 Wenn er überhaupt an Dills Standpunkt dachte, dann nur, dass es zu seinem Besten geschah. Man musste ihn stoppen bevor er sich in etwas verrennt, aus dem er nicht mehr herauskommt. Dill war merkwürdig geworden. Es war sein direkter Nachbar und es stand gut mit der gegenseitigen familiären Freundschaft. Trotzdem war eine Veränderung im Gange. Es war etwas wichtiges für Dill, es war etwas bewegendes, wenn er erzählte. Man traf  sich nicht nur zufällig vor dem haus, sondern auch mal auf ein synthetisiertes Malzbier. Dill war etwas jünger als Jan und in einer höheren Qualifikation  eingestuft. Dennoch bestand zwischen beiden ein magisches Band. Etwas war wirklich etwas magisches, denn über das, was Jan so interessant an Dill fand, wurde nie ein Wort verloren.
 Es war ein ruhiger Nachmittag als Jan von der Frühschicht zurückkehrte und Dill im Garten traf, wie einige Vermessungen mit einem Zollstock anfertigte. Er bewegte sich recht ungeschickt mit dem Maßband und rutschte auf Knien über seinen Rasen, zur Straße und schätzte den Rest der Entfernung mit dem Auge ab. Er fixierte einen Punkt vor Jans Haus und drehte sich dann um es zu notieren. „Dill, sag mal was machst Du da?“ Jan war verwirrt. Obwohl er in letzter Zeit mehrfach Zeuge geworden war von Dills verrückten Ideen hat er es immer nur für Flausen gehalten. Selbst als Dill erzählte er wolle einen Radiosender mit einer selbstgebauten Antenne anhören, der nicht vom Distrikt verwaltet wurde, hielt er es nicht für einen ernstzunehmenden Vorschlag. Wahrscheinlich gibt es gar keine Radiosender außerhalb des Distrikts, hatte er bei sich gedacht.

 Dill zeigte sich beschäftigt und winkte ab. So kam Jan näher und blickte ihm über die Schulter. Dill stellte Berechnungen an. Irgendwelche Kurven und Geraden, irgendwelche Winkel und das alles in deren Vorgärten. Jan war interessiert: „Eine neue Rasenkante ist es nicht?“ Dill ließ sich nicht ablenken und rechnete alles im Kopf. „Dill, du bist heute irgendwie..sag mal wo sind eigentlich deine Frau und deine Kinder?“ Jan rückte auch nicht ab, ehe er eine Erklärung bekam oder zumindest seine Aufmerksamkeit.

 Dill drehte sich zu Jan und fing sofort an zu erklären: „Hier wird bald etwas vom Distrikt gebaut werden.“ Jan runzelt die Stirn, „Aber was soll hier denn noch gebaut werden? Ich meine, hier ist doch Haus an Haus gebaut?“ und lacht.  Dill sieht ihn an und legt einen Arm auf seine Schulter, ihm bedeutend, dass er ein Stück mitgehen soll. Dabei beugt er sich etwas nach vorne und spricht nun leiser: „Jan, es geht hier um etwas ganz anderes. Der Distrikt will hier so etwas wie eine Überführung der Urethankolonnen hinlegen.“ Dill bekam große Augen und blieb sehr ernst. Es musste ihn erschüttert haben, denn seine Stimme zitterte. Sein faltiges Gesicht lag heute noch mehr in Falten. Jan fragte sich nur woher Dill das alles schon wieder wusste. „Ich bin etwas auf der Spur, aber ich kann dir nichts sagen, bevor ich nicht alles sicher weiß.“ Jetzt blieb Jan stehen. Er hielt ihn für verrückt – warum sollte hier etwas gebaut werden, wo doch Familienwohnungen hier stehen. Jan fragt ihn danach. Dill  hatte die Antwort natürlich parat gehabt, doch Christine ruft ihn in diesem Augenblick zu. „Jan! Willst du nicht reinkommen? Was machst Du denn noch?“ „Ja, mein Schatz ich komme gleich! – Entschuldige Dill, erzähl weiter. Aber Dill war schon wieder in anderer Stimmung. „Ich will dich da nicht mit reinziehen, weißt du.“ Jan war wie vor den Kopf geschlagen. Es war also doch etwas ernsteres? „Der Distrikt hat mir die Stelle gekürzt und ich will in einen anderen Distrikt. Weg von hier. Ich habe versucht, das ganze offiziell zu machen, doch...“ Er unterbricht und legt die Finder an seine Stirn. Jan sieht ihn weiter fassungslos an. „Na ja, ich muss jetzt erst mal zur Verwaltung. Wir können uns vielleicht heute Abend darüber , bei einem SynthMalz auslassen.“ Er dreht sich schnell weg und geht eilig sein Material einsammeln. Jan stand immer noch an der selben Stelle. Es hat ihn aus dem Gleichgewicht geworfen, dass Dill, sein direkter Nachbar und guter Bekannter nun mehr das Abbild seiner selbst war. Jan bildete sich ein Dill hätte eine Glatze bekommen. Schütteres Haar hatte er immer schon.

* * *

Die Schicht war endlich vorbei ! Jan schiebt sich durch die Ausgangsspindel, vorbei am Pförtner und lässt den Arbeitstag hinter sich. Gemächlich bewältigt er auch noch den Weg bis zu seiner Wohnzelle wo ihn die Ruhe in ihrer greifbarsten Form Erwartet, seine Frau und ein von ihr gewärmtes Bett.
So schweifen seine Gedanken voraus und lassen ihn geistig die letzten Meter des Nachhausewegs mit riesigen Schritten bewältigen, als er plötzlich an der letzten Biegung stehen bleiben muss, um einen Gerätewagen und ein großes Bauzelt direkt vor seinem Wohnstock, auszumachen.
Als er des Morgens zur Arbeit gefahren war, bemerkte er nur am Rande die 2-3 Vermessungstechniker, welche Vermessungsreflektoren auf den Asphalt vor dem Gebäude klebten jetzt jedoch um einiges zahlreicher vertreten waren Sie hatten wohl einen Arbeitsauftrag größeren Ausmaßes durchzuführen, wenn sie um diese Zeit noch Bauscheinwerfer auf die Fassade des Wohnstocks richteten und neuaufgestellte Schaltautomaten mit einem Innenleben aus Kupferwolframsynthesedraht und Schaltern versahen.

Im Trieb der Müdigkeit war es ihm jedoch gleichgültig was da vor seinem Wohnappartement vorging, ihn hätte wohl der Nationalkongress gelbsüchtiger Rikschafahrer samt ihrer Familien unbeeindruckt gelassen.

Jedenfalls dachte er schon seit längerem nicht mehr an die grüngrauen Arbeiter vor dem Fenster als er sich verschwitzt und schlapp aus den Armen seiner liebsten Löste und sich zum Schlafen ausstreckte.

Der Morgen brachte diese jedoch rasch wieder in Erinnerung, da um 0600 ein Presslufthammer- und Hydroschaberkonzert einsetzte, welches ihn unsanft dem Schlaf entriss.

Er ließ es sich nicht nehmen einen zynischen Kommentar in Richtung des Orga Zeltes zu schicken, welcher jedoch sicherlich auch ohne den audiblen Einfluss des Presslufthammerstakkatos ungehört geblieben wäre.

Wie gehabt findet Jan am  darauffolgenden Arbeitstag eine erneute Arbeiterkolonne vor seinem Haus vor und lässt sich von seiner Frau berichten, die Arbeit hätte nicht mal für 5 Minuten dieses Tages stillgestanden. Ameisen, Termiten des Konzern waren diese Arbeiter
gewesen.

Christine berichtete in dieser Woche noch mehrfach von Hausbegehungen durch die Ingenieure. Sie haben sich aber nicht Gasanschlüsse oder Fernwärme sehen wollen, auch nicht den Vid-Anschluss oder das Telefon. Nach Christine wollten sie den kleinen Garten sehen, der eigentlich nicht mehr als ein Hinterhof ist. Weiter hätten sich die Herren für die Baumaterialien des Hauses interessiert.  Jan nahm davon erst nur Notiz, doch dann wurde er regelmäßig durch die Vibro und Pressluftgeräte geweckt.


Es war nicht leicht das zu verstehen – für einen Außenstehenden. Aber Jan machte sich ein paar Gedanken mehr über die Situation. Er hatte ein Sixpack SynthMalz in der Hand als er die Entdeckung  machte. Dill, sein Nachbar, war nicht mehr da. Nicht nur, dass er einfach nicht im Hause wäre. Nein das Haus war leer und nicht darin. Keine Notiz oder ein Hinweis auf einen Umzug. Kein Lärm beim Auszug oder, dass man den Auszug je bemerkt hätte. Seine gesamte Einrichtung, sein Mobiliar und alle an der Wand befestigten Gegenstände hinterließen nur einen hellen Fleck an der Wand. Er und seine Familie müssen in der Nacht ausgezogen sein. Keiner hatte etwas vorher erwähnt oder eine Andeutung gemacht.

Es war Jan suspekt, dass er einen weitern Blick durch die Scheibe der Fronttür warf. Die Tür war offen. Jan betrat die Wohnung mit vorsichtigem Schritt.
„Hallo? – Hallo? Dill? Ist jemand zuhause?“ – Keine Regung im ganzen haus schallt es nur nach seinen Worten.
Selbst der Gasanschluss ist entfernt worden. Aber Fachmännisch und wahrscheinlich vom Verteilernetz angehangen. Die Steckdosen liegen nun blank und die Drähte schauen heraus. Es gibt ein Bild wie kurz vor einer Renovierung. Oder einem Abriss.
Jan findet keinen Hinweis auf irgendetwas und kehrt mit dem SynthMalz zu Christine zurück. Dill muss seine Versetzung in einen anderen Distrikt wohl irgendwie verwirklicht haben, denkt er bei sich.


* * *


Jan schraubt an einem Fernregelventil die Schlusskappe ab. Karl steh dabei und beobachtet ihn. Es ist gerade die Pause vorbei und beide verdauen noch ihre mitgebrachte Nahrung. Es gibt zwar die Möglichkeit das Zentralessen per Rohrpost zu bestellen, aber die meisten ziehen vorbereitetes  Essen vor. Nicht alle Betriebe erlauben das und in manchen Betrieben muss man sogar die Mahlzeit essen, da wichtige Stoffe enthalten sind, die vor Gefahren mit den Werkstoffen schützen sollen.
 „Du siehst heute gar nicht gut aus Karl“, Jan wollte von sich ablenken. Karl grämt sich und fährt mit der Hand durch sein Gesicht. Dabei gähnt er und reibt sich den Bart. „Ich muss unbedingt aus dieser Schicht raus, Jan!“ Sein Blick hat ein wenig an Kraft verloren, sein Gesicht verleiht ihm den Ausdruck von Hilflosigkeit.

 Jan freut sich innerlich. ‚Eine versteckte Gemeinsamkeit’ denkt er. ‚Zwar auf einer anderen Ebene, aber das jeder hat das Grundlegende Problem in sich verkörpert. Man bringt es nur anders zum Ausdruck.’

 Es gibt ein Signal. Jan lässt sein Werkstück liegen und beide gehen mit wehender Schutzkleidung in die Schaltzentrale. Im Raum riecht es dumpf nach Elektronik und überlasteten Schaltkreisen.
Es stehen ungewöhnlich viele Personen im Raum. Als erstes stechen die zwei fremden Männer aus der Masse; beide wohl unabhängig voneinander eingetroffen. Der eine hat schütteres Haar und einen W.E.R.K.S.C.H.U.T.Z.-Aufnäher auf seinem Windbreaker. Jan steht für die erste Sekunde, die er die Menge gemustert hat im leeren Kosmos: Der Mensch in der Jacke kam ihm besonders merkwürdig vor. Aber auf eine Weise die man als ein DejaVu einstufen würde. Jan könnte schwören diesen Mann einmal gesehen zu haben.

 Aber natürlich ist er ihm völlig unbekannt und man stellt sich förmlich vor. Der Anlass war eine Fehlfunktion in den Gas-Zwischenleitungen. Keiner ahnte warum diese Störungen periodisch auftraten oder warum sich Betriebsfremde Personen einfanden. Wahrscheinlich muss der Mann als Sachverarbeiter den Zustand selbst überprüfen und eine Werksspionage oder ähnliches ausschließen.
 Dieses Problem der Werksspionage. Die Gefahr der Spionage wird immanent gehalten. Es wird öffentlich davor gewarnt und mit höchsten Sanktionen verhängt. Es gibt eine explizite Liste aller Umstände die eine Werksspionage einschließen.

 Jan unterhielt sich mit dem ersten Vorarbeiter und diktiert ihm eine Aufgabe. Aus dem Lager bestimmte Werkzeuge und von den Materialien Eisenbleche und am besten ein Schweißgerät. Es wird ins Detail gegangen; man stellt sich die Frage ob vorgefertigte Bleche nicht besser wären.
 Im Gespräch mit dem Vorarbeiter blickt Jan durch den Raum und kreuzt den Blick mit dem Fremdling. Er ist in diesem Moment stumm und lässt einen Blick in seine Augen zu. In seine Seele. Jan erkennt ‚jemand’. Er hebt den Finger und will etwas rufen.  Der Fremde blickt wieder zu seinem Gespräch und lässt sein Gesichtsfeld hinter seine Nebenmänner verschwinden.

 Jan ist wieder in seinem leeren Gedanken-Kosmos, doch diesmal unfreiwillig gefangen. Er geht Gesichter durch, die er kennt. Auch entfernte Bekannte und andere Schichten. Er geht das Personal durch und schließlich das Service-Personal. Jan fühlt eine Verbundenheit, eine alte Bekanntschaft, ein Band, das nicht gelöst wurde, sondern das in Vergessenheit geraten war. Doch er kann ihn nicht zuordnen.

 Karl kommt vom Gespräch mit den beiden Männern zu Jan, schiebt seine Brille höher und fragt ihn: „Die wollen wissen, wer für den Bereich zuständig ist. Ich hab ihm gesagt, dass unsere Schicht das übernimmt.“ Die Personen im Hintergrund halten mit ihrem Gespräch mit den Köpfen über den Schaltplänen inne und drehen sich zu Jan. Der eine guckt gedankenversunken und der ominöse ‚Jemand’ steht nur untätig dabei. „Wir haben bereits die Rohre gestoppt und die Schlosser benachrichtigt.“

 Karl tut gute Arbeit damit die Schlosser die Sache erledigen zu lassen. Dennoch löst das nicht das Problem, dass ich deswegen der W.E.R.K.S.C.H.U.T.Z. hier einfindet, denkt Jan bei sich. „Wenn ihr wollt gehen wir mal zu dieser Stelle und sehen es uns vor Ort an“, schlug Jan vor um ein wenig Dynamik in die Runde zu bekommen; vielleicht könnte man etwas herausbekommen. „Das halte ich für eine schlechte Idee“ , der Rangobere der beiden schaltet sich ein und kommt nun vom Tresen her näher zu Jan, um im Gespräch wieder mitzumischen: „Wir haben die Fakten des Schadens bereits urkundlich festgehalten und der Unfallort ist vorschriftsmäßig zwei Stunden gesperrt. Ich denke nicht, dass wir dort eine erneute Beweisaufnahme vornehmen sollten, Herr VanGaater.“ Der Mann schärfte seinen Ton. Der andere schrieb stumm etwas auf seinem digitalen Klemmbrett nieder.
Jan fühlt sich unsicher und verzieht die Augenbrauen. Sein schroffes Gegenüber festigt seinen Blick auf Jan, als sei er ihm eine Antwort schuldig. Die Arbeit im Raum geht stetig weiter. Alle Kolonnen laufen weiter, es wurde die Leitung provisorisch mit anderen Rohren umgangen. Um das zu bewerkstelligen musste Karl am Morgen diese Leitungen mit Dampf spülen lassen, damit kein anderes Produkt im Rohr bleibt. Schichtarbeiter sitzen vor den Bildschirmen und lesen die Werte der Messsonden ab; einige schreiben übersteuerte Bereiche um den Bezirk der Unfallstelle. Jan liest ebenfalls die Werte mit einem flüchtigen Blick ab und ändert seine Einstellung zur Situation: „Entschuldigen Sie, ich möchte Sie in Ihren Investigationen nicht behindern, aber im Moment habe ich eine Anlage zu fahren. Und im Moment“, Jan zeigt mit einem Finger auf den Bildschirm neben sich, „sieht es schlecht aus.“ Jans Anspannung löst sich, sein Selbstvertrauen gibt ihm einen Schub und er setzt nach: „Also würden Sie bitte mich und meine Schicht für die Zeit in Ruhe lassen und bitte sehen Sie zu, dass die Sperre aufgehoben wird, damit meine Schlosser die Leitungen reparieren können.“ In diesem Moment trifft eine laute Stimme das Gehör von Jan: „Also so wie ich das sehe versuchen Sie unsere Kollegen vom W.E.R.K.S.C.H.U.T.Z. zu vergraulen und das wollen wir doch nicht?“ Es ist Hinterfürth, der sichtlich erregt versucht sich bei den Aufsehern einzuschleimen. Jan dreht sich aber dennoch erschrocken zur Seite und Hinterfürth schreitet an ihm vorbei. „Bitte folgen Sie mir ich werde ihnen für alles behilflich sein. Sollten Sie fragen an meine Kollegen haben, dann werden ich sie für Sie natürlich im Einzelgespräch ausrufen lassen.“ Sein schmieriges Grinsen verzieht sich zu einer Grimasse. Er breitet seine Arme aus als wolle er beide aus der Messwarte schieben. „Folgen Sie mir nur ich werde ihnen alles Zeigen. Die Herren?“ Er weist mit einer Hand zur Tür.

 Der schroffe der beiden löst nun mit sichtlichem Unbehagen seine verschränkte Position, löst seinen Einfluss auf Jan und dreht sich um. Der andere, in den Augen von Jan immer noch sehr merkwürdig, stoppt seinen Bericht und trottet ebenfalls in Richtung Tür.

 Als beide in der Tür verschwinden dreht sich Hinterfürth noch einmal um und ruft zu Jan: „Und Sie sehe ich nachher in meinem Büro!“ Und verschwindet ebenfalls in der Tür.


* * *

Jan schaute sich in der nun stillen Messwarte um. Sogar die anderen Arbeiter waren verstummt und manche von den Besprechungen mit dem W.E.R.K.S.C.H.U.T.Z. noch nicht zurückgekehrt, als die beiden Maschinisten die Anlage wieder einschalteten und das Licht in der Warte wieder heller dimmten. Sie starrten alle noch auf die Monitore, wartend auf eine Reaktion der Kurven. Als eine positive Reaktion abzulesen war, drehten sie sich zuerst zu Jan um, der am Hauptpult stand und nervös von einem Bein zum anderen wechselte. Noch nicht an seine Führung in Fragen der Organisation gewöhnt, wünschten sie seinen Kommentar zur Lage. Aber er war ohne Programm. Er freute sich nur, dass die Anlage wieder lief wie vorher, der Kloß in seinem Magen von der Szene am Mittag hatte sich dennoch nicht gelöst. Schlimmer noch, er hatte sich Gedanken darum gemacht. Vier Stunden unglaubliche Anspannung. Hektik und Planung Jeden Augenblick rechneten sie damit, dass eine Maschine erneut ausfällt. Jeder Moment wurde für die Feinabstimmung genutzt. Aber jetzt machte sich eine Atmosphäre der Entschlossenheit bemerkbar. Die Schicht hatte das Problem gelöst. „Ich muss sagen nicht schlecht gemacht.“ Karl dreht sich mit seinem Stuhl und legt den Kugelschreiber beiseite. Stimmung kommt auf und die acht Mann im Raum klatschen einen Beifall, als ob der Pilot das Flugzeug sicher zur Landung gebracht hätte. Jan fühlte sich Stolz. Für einen Moment hatte er alles andere Vergessen.

Jan lockert seine Arbeitskleidung. Er ging früher zum Abteilungsleiter als er eigentlich für sich festgelegt hatte. Seine Stimmung hatte sich dem gegenüber verbessert und er ging sogar wieder etwas überschwänglicher. Einen Augenblick sehnte er sich nach der Vergangenheit, als noch nicht die Last des Schichtführers auf seinen Schultern lag, als die Gespräche mit dem Leiter noch nicht an der Tagesordnung waren. Das Leben als einfacher Schichtarbeiter mochte eingefahren gewesen sein, aber man hatte auch nichts zu befürchten gehabt.

 Er klopfte diesmal laut und drückte den Messinggriff herunter. Im Zimmer stand Hinterfürth mit hochrotem Kopf und Schweiß auf der Stirn. Vergraben in seiner Arbeit blickte er hoch und warf einige Zettel vom Tisch, die sich zu anderen am Boden gesellten. „Herein! Herein! – Setzen bitte!“ Er kramte seine Unordnung auf dem Tisch zu einem Haufen zusammen, den er zur Seite schob. „Das was heute Mittag passiert ist, kann für den Betrieb, für mich und auch für Sie Konsequenzen bedeuten, das wissen Sie?“ Jan, der sich gerade erst gesetzt hatte schaut seinen Abteilungsleiter ungläubig an. „Die vom W.E.R.K.S.C.H.U.T.Z. kommen hier nicht rein umsonst rein, Herr VanGaater. „Nein, diese Leute haben irgendetwas herausgefunden, was mich beunruhigt.“ Er macht eine Pause und legt seine Hände vor sich auf den Tisch. Die Ärmel seines Hemdes sind hochgekrempelt und seine Krawatte ist offen. Er sieht mitgenommen aus, als hätte er das gesamte Archiv durchwühlt und danach wieder sortiert. „Ich will Ihnen sagen, dass wir hier im Betrieb schließlich unter einer Decke stecken, sind Sie sich dessen bewusst? Ich möchte nicht, dass wegen eines kleinen Unfalls jemand indiziert wird. Ich meine wenn wir zusammenhalten können um die Anlage wieder auf Vordermann zu bringen, dann können wir zwei doch auch zusammenhalten um die Belegschaft aus dem Sichtfeld unserer Kontrolleure zu verlagern.“

 Jan wurde klar, das hatte etwas zu bedeuten, was nicht auf seinem Mist gewachsen war. Es ging um Hinterfürth. Es war etwas im Busch und er sollte involviert werden. „Diese Herren haben erstaunliche Arbeit geleistet.“ Jan wirft ein: „Haben diese Herren auch den Ursprung des Rohrsdefekts herleiten können?“ Hinterfürth lehnt sich zurück und wischt, nachdem er sich von seiner Aufregung ein wenig erholt hatte, mit einem Stofftuch den Schweiß von der Stirn. „Im eigentlichen Sinne bin ich schon weiter als Sie.“ sagt er. Dabei macht er eine Handbewegung und zieht mit der anderen Hand sein Bein näher zu sich, dass er über das andere geschlagen hatte. Mit einem belehrenden Ton: „Sie sind noch immer bei dem Problem von heute Mittag, doch wissen Sie warum die Herren heute Mittag wirklich hier gewesen sind?“ Wieder der Blick über den Schreibtisch. Gewolltes Legen der Situation – der Chef spricht zu seinem dummen Untergebenen. „Sie haben einiges an Papierkram durchwühlt und sind von den Datenbänken, bis zu den Magnetbändern und Psychogrammen alles durchgegangen. Wissen das passt mir nicht. In meiner Anlage gibt es diese Zwischenfälle nicht. Ich habe eine reine Weste.“ Dabei sieht er unmerklich zur Seite. „Ich möchte hier alles im Fluss halten. Ich denke, dass es auch in Ihrem Interesse ist Herr VanGaater. Nach der einmaligen Rettungsaktion von heute Mittag-“ Sein Ausdruck bekam wieder den schmierigen Unterton. Es war in der Tat etwas faul. Keine Lobreden, oder Heldentümer werden umsonst vergeben. Und es war nicht seine eigene Leistung gewesen. Jan wurde besser hingestellt als seine Leistung zu ließ. „-möchte ich, dass Sie zu neuen Höhen Aufschwingen. Ihr Bonusgehalt, dass Sie bei mir verspielt hatten könnte noch drin sein.“ Der Ernst seiner Stimme hatte diese ganze Situation skurril gemacht. Keine Ausbrüche oder sarkastischen Bemerkungen. Wer hier der Bittsteller war, wurde nun deutlich, obwohl Hinterfürth es anders verpacken wollte. „Sie brauchen mich, VanGaater, Sie brauchen mich. Und Sie können etwas für mich tun. Eine Hand wäscht doch schließlich die andere!“ Ungeahnte Freundlichkeit - menschliche Solidarität mit dem Vorgesetzten oder letzte Rettung durch den Untergebenen? „Sind Sie gewillt etwas für Ihren Betrieb zu tun?“ Das ist eine Frage wie sie zur Kategorie der Rhetorischen Fragen gehört, mit dem Hintergrund der Drohung, aber freundlich; zumindest gespielt freundlich. Jan macht eine bejahende Bewegung. Eher zögerlich aber zustimmend. „Wissen Sie eigentlich habe ich Sie immerschon geschätzt, ähh.. Jan – ich darf doch Jan sagen, oder?“ Das war zunächst eine glatte Lüge. Eine infame Lüge gekoppelt mit einem dreisten Versuch eine Scheinfreundschaft aufzubauen. In Jan schürte sich das Unbehagen.  Hinterfürth legte es weiter drauf an: „ Der Trakt in dem der Unfall passiert war ist nun von dem Produkt verseucht. Ich habe bereits der Leitung einen Bericht erstattet und die müssen sich nun mit den Formalitäten herumschlagen. Dass diese beiden Herren heute in der Messwarte standen, kann nur bedeuten, dass Sie die Unreinheiten im Bericht schneller entdeckt haben, als ich gedacht hatte.“ Das war nun wirklich spektakulär: Der Abteilungsleiter ist in krummen Angelegenheiten verwickelt. „Ich möchte Ihnen ans Herz legen, das weder den Arbeitern noch den Berichten, noch den Offiziellen zu vermitteln. Es geht nur um uns beide. Verstanden?“ Nun war die Katze aus dem Sack. Er lehnte sich nach vorne, faltete seine Hände und auch sein Ton wurde wieder schärfer. „Ich möchte es nicht so hart formulieren, aber um unser aller bestes zu erhalten sollten Sie sich etwas ausdenken damit wir nicht alle den schwarzen Peter zugeschoben bekommen. Das bringt uns nur schlechte Promotionen. Ich dachte, dass Sie dem aufsichtsführenden Anlagenfahrer einen Kompetenzfehler in den Wochenbericht schreiben. Wir verstehen uns – das ist eine Sache die nur uns beide etwas angeht. Wenn der Laden hier Probleme bekommt haben sie uns schließlich alle am Schlafittchen.“ Jan zeigt erst mal keine Reaktion. Er dreht seinen Kopf zur Seite und blickt zur Uhr an der Wand um diesen Gedanken zu verdrängen. er hatte Angst. Nicht die panische Angst sondern die Vorahnung vor etwas. „Sehen Sie die Sache so: Für Sie ändert sich nichts. Nur der Bericht sollte so ausfallen, dass wir unseren Tumor in der Mannschaft präsentieren können, den der W.E.R.K.S.C.H.U.T.Z. auseinandernehmen kann. Anstelle von Ihnen zum Beispiel.“ Jan blieb kein ‚Nein’ übrig, aber auch eine Zustimmung wäre verbunden mit Firmenbetrug. Das war entschieden gegen die Bestimmungen. Ein Kloß bildete sich wieder in seinem Inneren, er erinnert sich: Der aufsichtführende Fahrer war sein bester Kollege Karl!






DER DISTRIKT (0)

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DER DISTRIKT 

Ein utopischer Roman

DER DISTRIKT (0) - Prolog
DER DISTRIKT (1) - Erstes Kapitel
DER DISTRIKT (2) - Zweites Kapitel
DER DISTRIKT (3) - Drittes Kapitel
DER DISTRIKT (4) - Epilog



Quia unusquisque tantum juris habet, quantum potentia valet.
- Spinoza, Tact. polit. 2, 8


Prolog


Es kracht und mit einem Schlag fällt das Fahrrad auf den Boden. Jan öffnet das Garagentor in dem sich das kleine Schicksal abgespielt hatte. Er hebt das Fahrrad wieder auf und prüft ob die abgerissene Halterung für das Fahrrad noch genug fixiert ist. Das Gewicht zieht an dem Bolzen und erneut kippt das Fahrrad über und will von der Wand fallen. Jan flucht und stellt das Rad beiseite. Er seufzt und verzieht das Gesicht, als er sich mit dem Handrücken die Stirn abwischt. Nochmals prüfend zieht er an der Radhalterung. Um die Einfahrt vor der Garage kommt seine Frau mit einem Stirnrunzeln zu ihm: „Was ist los? Was war das für ein Poltern?“   Er blickt zu ihr weiter in gebückter Stellung auf und sagt: „Das sollen die Halterungen für das Fahrrad werden – Sollte bald unser Auto hier stehen, muss eine Menge Platz hier frei werden.“  Die Hand seiner Frau umfasst den Griff des Fahrradlenkers und dreht ihn ein paar Mal nebenbei: „Das Fahrrad ist schon abgenutzt, aber das brauchst du ja eh nicht mehr-“ „Was für ein Zufall, hm?“ er lächelt ihr zu. Sie greift nach ihm , umfasst ihn und beide sehen sich ganz nah an, bis sich ihre Nasenspitzen treffen. „Schon Montag geht’s los.“ sagt er und schaukelt sie ein wenig hin und her „Aber du wirst doch nicht in einen anderen Betrieb müssen, oder?“ Sie wird noch anschmiegsamer: „Nein, mein Schatz – derselbe Betrieb nur eine andere Stellung. Eine höhere Position!“ Er betonte die letzten beiden Worte und reckte sein Kinn dabei weit nach oben. Sie lacht mit leicht vorgehaltener Hand. Beide umarmen sich wieder und sehen sich über die Schultern, wieder schaukelt er sie leicht. „Ich werde nicht mehr auf Schicht müssen, wie der Norbert – ich bekomme 15 Minuten Mittagspause und 10. Monatsgehälter ausgezahlt. Weißt du, “ er sieht sie wieder an, „weißt du was das bedeutet?“ Ihre Augen weiten sich aber ein Fragezeichen bildet sich in ihrem Gesicht. „Wenn ich drei Jahre gearbeitet habe, dann können wir anfangen das Haus abzubezahlen!“ Christine lässt ein Lächeln scheinen und bewegt ihren Mund zu einem Kuss zu ihm. Eine Leidenschaftliche Sekunde vergeht in der, der Wind sein Spiel mit den abgefallenen Ahornblättern in der Einfahrt treibt und die Vögel ihr Mittagslied nicht zum letzten mal anstimmen.


Nach dem verspäteten Mittagessen werden Brote für die Pause gemacht. Obwohl Jan erst am Abend zum Betrieb muss, werden die „Dubbel“ schon Mittags mit Liebe bereitet und in seine Tasche gestellt. Seine Frau übernimmt das jeden Tag, so wie sie den Rest des Haushalts übernimmt. Für sein Gewissen ist das nicht verwerflich, zumal er täglich zwölf Stunden arbeitet. In ihrem kleinen Haus, das auf Hypothek vom Distrikt abgekauft werden sollte, fühlen sie sich wohl. Es soll der Ort sein an dem ihr Baby aufwachsen wird. Zwischen den Urethan-Kolonnen und dem Gebiet C21 liegt die ehem. Elsa-Brandström-Strasse, die jetzt umverlegt und Johann-Gmeiner-Strasse getauft wurde, endend in einer kleinen, von Wald umrandeten Reihenhaussiedlung. Der Wald ist dünn und Angegriffen von Krankheiten und dem sauren Regen, jedoch blühen die Kirschbäume und die Vögel bauen weiter ihre Nester. Die Sonne scheint durch einen schaukelnden Ast der Birke an dem Bürgersteig und ihre Strahlen zielen durch die Scheibe auf die unfertigen Brothälften. Christine ist aber nicht mehr in der Küche.


Die Distrikt-Nachrichten am Nachmittag zeigen im zweiten Bericht einen Mann ohne Hose und Oberteil, nur mit einer zerrissenen Shorts bekleidet, einem langen Bart und zerzausten ungeschnittenen Haaren, wie er von zwei starken Interzeptoren des W.E.R.K.S.C.H.U.T.Z. abgeführt wird. Er wird fast durchs Bild getragen, die Aufnahme ist auch sehr schlecht, doch sieht man keine Gegenwehr des Mannes. Nur der Blick, der Ausdruck in den Augen blieb im Gedächtnis, als der Sprecher anschließend Informationen über den Verbrecher verliest. Spionage und zwar Jahrelange wird ihm vorgeworfen, rebellische Gesinnung und als eine politische Gefahr im höchsten Maße werden im angehangen werden. Nur der Blick, der Ausdruck in den Augen bleiben im Gedächtnis als die Nächsten Beiträge die Sinne überschwemmen.


Jan bemüht sich um seine Disziplin als er aufstehen will. Er greift nach vorne, nach einem imaginären Griff, der ihn aus der Couch ziehen kann und drückt sich aus dem Sitzleder. Zerknirscht fährt er sich durch die Haare, die andere Hand, bereit zum Aufbruch, über das Knie gelegt. Mit einem Satz schlägt er sich aufs Knie, zieht seine Hauslatschen über sie Füße und steht im Zimmer. Anfangs stramm, dann verzerrt in einem Gähnen. Reißt sich dann wieder zusammen, schaltet den Fernseher mit der Fernbedinung aus. Er lässt die Jalousien herunter, bis nur durch die Lochreihen das Licht in das beige Wohnzimmer strahlt. Langsam trottet er hoch ins Ankleidezimmer. Seine Frau sitzt im Schlafzimmer davor und fragt ihn: „Du musst los, Schatz! Es ist schon fast halb sieben! – Noch hast du kein Auto.“ Sie lacht und legt ihren kleinen gestrickten Pullover beiseite. er halb in Trance sieht sie an und greift dabei nach Hemd und Hose. Sie dreht ihren Kopf zur Decke und er nutzt den Augenblick um sich ihrem Gespräch zu entziehen;  geht ins Bad und zieht sich um. Als er vor dem Waschbecken steht sieht er sein Spiegelbild und reibt sich übers Kinn. Er sieht sich in die Augen und misst sich selbst mit dem Blick. „Noch zwei Nachtschichten...“ Das Schlimmste an der Nachtschicht war nicht die Müdigkeit am Tag, der ungewohnte Schlafrhythmus oder das Problem, wenn alle wach sind zu schlafen, vielmehr ist es im Betrieb sich nicht die Blöße zu geben, unachtsam zu sein oder gar einzunicken, wenn gerade länger nichts zu tun ist. Alle anderen Probleme kann man sozial ausgleichen. Er blickt noch einmal ob nicht doch graue Strähnen sprießen und wendet sich ab um nach unten zu gehen. Als er seine Tasche greift, stülpt er seine Armbanduhr über das Handgelenk und fixiert die Digitalziffern. „Oh, nein! Ich komm zu spät zur Besprechung! Heute ist Übergabetag!“ Er lässt ab von der Uhr und der Tasche und zieht hastig seine Schuhe über, dabei geht er gebückt wieder Richtung Küche und erblickt die unfertigen Brote noch immer auf dem Brettchen liegen. Einen Moment der Entschlusslosigkeit weiß er nicht wie er vereinbaren konnte ohne Dubbel auf die Arbeit zu gehen, bis im wieder seine Verspätung einfällt und er nur die Tasche nach draußen nimmt. Draußen verabschiedet er sich von seiner Frau, die schon am offenen Schlafzimmerfenster steht und auf ihn wartet. „Tschüss, mein Schatz!“ – „Auf wiedersehen und gute Schicht“, ruft sie ihm hinterher und pustet einen Handkuss in seine Richtung. Jan ist jedoch schon auf sein Rad gestiegen und tritt eilig in die Pedale, seine Tasche auf dem Gepäckträger. Christine schließt das Fenster und schiebt die hellweißen, seidenen Vorhänge wieder davor.


Durch offene Straßen führt ein direkter Weg zu seinem Betrieb. Eine Kolonne Schwerlastkraftfahrzeuge, macht es ihm unmöglich auf der Höhe der Urethan-Kolonnen die Kreuzung zu überqueren. Ein Beamter, mit Funkgerät winkt ihn kulant zwischen zwei Fahrzeugen durch, die höchstens Schrittgeschwindigkeiten fahren. Alle anderen Autos müssen warten. Die von den schweren Fahrzeugen befahrene Straße ist in beiden Richtungen einen Kilometer gesperrt, durch den W.E.R.K.S.C.H.U.T.Z. Jan loggt sich beim Pförtner mit seinem Rad ein und passiert die letzten drei Sicherheitsbarrieren. Durchleuchten, wiegen und der Metalldetektor. „Ist der Eddie nächste Woche in der Frühschicht?“, fragt er den breiten Pförtner hinter dem Glas. Er blickt ihn an und runzelt die Stirn. „Nein, Eddie VanHouten, wenn sie den meinen, der ist Abschnitt C und zwar...“ „Nein, danke, ich kenne nur  den Eddie von hier. Wie der weiter heißt weiß ich jetzt auch nicht mehr, aber wir sehen uns sonst immer in der Frühschichtwoche, und da..“ Diesmal unterbricht der Pförtner: „Ich kenne hier keinen Eddie und mehr weiß ich nicht“ Dabei verschränkt er die Arme und macht ein ernstes Gesicht. Jan setzt sich wieder auf sein Rad, als er die Aussage im Kopf zusammensetzt. „ Kennen Sie die andere Schicht nicht?“ fragt Jan noch. Doch der Pförtner sieht ihn nur stoisch weiter an,  so dass Jan mit einem Kopfschütteln losfährt. Das Schweigen kam ihm eigentlich recht, da er eigentlich für seinen Smalltalk mit dem Pförtner nicht viel Zeit hatte. Jan grübelt trotzdem über den Vorfall. „Man muss doch seine Kollegen kennen – zumindest beim Namen.“ Er biegt am Ende der Urethan-Kolonnen ab und fährt südlich zu den neueren Crackern, die erst letztes Jahr fertiggestellt wurden. Daneben befindet sich sein Betrieb, der sich mit der Entwicklung von Duroplasten beschäftigt. Kunststoffe, die so hart wie gesinterter Stein werden sollen. Eigenschaften von Keramik in einem Produkt, leichter als Aluminium, einfach formgebend wie alle Kunststoffe aber trotzdem billig in der Herstellung. Sein Job war immer die Technische Überwachung der Test-Anlage, Wartung und gegebenenfalls Reparatur. Seine Schicht war die beste des Betriebs und er als ‚Trainer’ seiner Mannschaft, hatte dafür auch den Jahreszuschlag von 1,5% auf ein Monatsgehalt bekommen. Man verdiente als Schichtmeister nicht unbedingt mehr, aber man hatte nicht die ganzen Laufjobs der Arbeiter.


 Sitzend in der Zentrale begrüßt ihn Karl, ein weiterer Schichtmeister. Er sieht Jan durch die Scheibe und dreht sich mit seinem Stuhl schon um seinen Platz zu verlassen.  Jan hetzt sich in die Spindkammer um schnell den  Overall und die Werkstiefel überzuziehen. Sein Helm ist schon ziemlich zerkratzt und das Weiß ist zu einem milchigen Grau geworden. Nun ‚Schutzbekleidet’ und von der schnellen Fahrradfahrt verschwitzt gelangt er in die Schaltzentrale, wo er als erstes die Schicht grüßt. Er geht direkt hinüber zum Besprechungsraum. „ Der ‚Hintern’ wartet schon, hat dreimal seine Nase rausgesteckt, ob du auch ja nicht da bist!“ ruft einer neckisch von einem Steuerpult. Jan verzerrt sein Gesicht zu einem Grinsen, bei dem Gedanken an seinen Abteilungsleiter Herrn Hinterfürth, hinter vorgehaltener Hand liebevoll der Hintern genannt. Nicht nur wegen seinem Namen. Jan klopft dreimal mit dem Zeigefingerknöchel gegen die Tür, drückt behutsam die Klinke und betritt den Raum.


 Die gesamte Schicht ist um einen U-förmigen Tisch versammelt und wartet auf die Reaktion des Abteilungsleiters. Der steht mit einer Fernbedienung vor einer Vid-Tafel und war mitten in der Erklärung als Jan die Besprechung betritt. Ein stiller Blick später, öffnet Hinterfürth seinen Mund: „Herr VanGaater wollten Sie an der Besprechung nicht teilnehmen?“ „Ich...“-„Ziehen Sie es vor“, fährt er ungehindert fort und schreitet, mit der Fernbedinung hinter dem Rücken verschränkt, auf ihn zu „ziehen sie es vor UNINFORMIERT an die Arbeit zu gehen Herr VanGaater? Möchten Sie diese Nachtschicht nicht bei uns verbringen?“  Hinterfürth starrt ihn an. Jan schließt die Türe hinter sich, dem Blick ausweichend. Normalerweise wird man lakonisch zurechtgewiesen und damit ist die Sache abgeschlossen. Doch eine Nachtschicht nicht im Betrieb zu verbringen bedeutet nur, dass man sie bei der  W.E.R.K.S.C.H.U.T.Z.-Personalabteilung verbringt. Es sind extra Centren eingerichtet worden, die für ‚den inneren Ausgleich’ sorgen sollen. Man wird von den Angestellten solange ‚betreut’ bis man wieder zur Arbeit finden kann. Das wird selten als Scherz ausgesprochen, auch nicht in erheiterter Runde. Es bedeutet ebenfalls, dass der Betreffende dort übernachten muss und sogar bis zum Betrieb gefahren wird, wenn er wieder arbeitet. Es wird eine Nachricht nach Hause übermittelt und der Lohn-Jahresbonus geht verloren. So überlegt Jan wie er gerade dieses Unglück abwehren könnte...


 Nach der Teambesprechung findet sich Jan auf persönliche Anweisung beim Abteilungsleiter selbst im Büro ein. Jan ist nervös und geht die letzte Situation im Kopf durch. Er schreitet durch die Schaltzentrale und blickt pathetisch vor seine Schritte. Er sieht nicht, dass die Gänge sind alle neu verputzt und weiß gestrichen sind, mit neuen farbigen Linien, die als Richtungsweiser dienen, an wichtige Orte des Betriebs führen. Die im ersten und zweiten Stock gelegene Büroetage jedoch hat zudem einen Teppichboden mit den Emblemen des Distrikts und Zimmerpflanzen, die wahrscheinlich künstlich sind.  Die einzige Tür mit dem Milchglasfenster aus Makrolon ist die des Betriebsleiters. Direkt gegenüber sitzen die Sekretärinnen und machen Bürogeräusche aus ihren Zimmern.  Jan klopft an die verschalte Tür aus Poly-Urethan mit Messinggriff wahrscheinlich auch aus Plastik. „Herein!“ Jan tritt ein und bleibt zunächst in der Mitte stehen. „ ...sie wollten mich sprechen? Herr Hinterfürth, ich...“ „Ah, ah!“ wehrt er bereits ab und senkt die Augenbrauen: „Fangen Sie nicht schon an! Ich habe Sie aus drei Gründen herbestellt:“ Wie eine magische Formel betont er den Satz und hebt dabei drei Finger. „Zum einen sind Sie heute morgen eklatant zu spät gekommen – und das an einem Freitag, wo Besprechung für die Übergabe ist. Wissen Sie so was können Sie sich doch nicht erlauben, Herr Hansen!“ Dabei blickt er ihn eindringlicher an. Dann spreizt er seine Finger, stützt sich darauf ab, lehnt sich über den Tisch und weist ihm den Stuhl zu. „Setzen Sie sich doch!“ Jan schiebt den Stuhl zurück und nimmt Platz, gespannt was nun folgt. „Herr... äh“, mit einem flüchtigen Blick liest Hinterfürth den richtigen  Namen aus der Akte auf dem Monitor ab, der in den Glastisch eingelassen ist; nur sichtbar für den, der dahinter sitzt. „Herr VanGaater!“ wieder freundlich aber mit falschem Lächeln, „sie sind nun schon ihr gesamtes Berufsleben in diesem einen Betrieb – ich nicht;“ er gestikuliert und zieht die Mundwinkel nach unten. „von mir können Sie nicht erwarten, dass ich weiß wie Sie denken, sich hier gebärden zu müssen, Herr VanGaater. Wenn Sie zu spät kommen bedeutet das für mich nur, dass Sie mit der Arbeit nicht fertig werden, oder sich drücken wollen.“ Seine Augen zeigen die Gewitztheit eines aufsteigenden Bürokraten; einer machtgeilen Person – doch nach außen hin gibt man sich eher als der Kompetente Geschäftspartner, der informierte Anführer aller Ideen oder der erzürnte Schützling der immer nur gutes für einen will solange Gehorsam geboten wird. „In ihrem Fall...-“, er macht eine lange Pause, lehnt sich nach vorne um  seine Ellbogen auf dem Tisch abzustützen und seine Hände zu reiben. Jan setzt an: „Ich denke, wir könnten uns vielleicht so vereinbaren, dass ich mich für doppelte Nächte eintragen lassen kann um dem entgegenzukommen“ Er schnalzt. „Wissen Sie, VanGaater, wie das in meinen Ohren klingt?“ er schiebt seine Brille griffig an die Stirn und fährt sich mit dieser Hand durch die Haare. Steht barsch auf und hält die eine Hand auf dem Tisch und fuchtelt wild mit der anderen in Richtung Jan; er beugt sich sogar etwas herüber und redet sehr laut und leiernd: „Das klingt bei mir wie Arbeits-Aufschub, Lohnentzug, wie Firmenbetrug!“ Ganz rot ist sein Kopf geworden und ein Speichelbällchen hat sich während dem Ausbruch aus dem Mundwinkel gelöst. Er blickt ihn wütend an. Wechselt die Stellung seines Kopfes von links nach rechts geneigt und fragt Jan: „Wie verbleiben wir?“ – Jan  räuspert sich und denkt etwas langsamer: ‚Ich melde mich gleich morgen bei der Abteilung. Aber lasse mich auch vorbenoten vom gesamten Betriebsrat...’ – „Herr Hinterfürth ich würde mich disziplinieren und auf ihre Forderungen eingehen, welche Sie auch stellen.“ Herr Hinterfürth steht nun gerade, etwas neben dem  Stuhl, und zieht die Hand vom Tisch. Dann geht er zum Fenster nach links und verschränkt die Arme. Er legt eine Hand ans Kinn. Geht, dreht sich auf einem Fuß. Blickt zu Boden und dann auf Jan, der scheel aus dem tiefen Polsterstuhl herauslugt. Jan steht auf und steht erst halb als Hinterfürth zu ihm schreitet und ihm direkt ins Gesicht schaut. Nur einen Mundhauch zum nächsten Gesicht entfernt: „VanGaater Sie sind ohne Moral. Menschen wie Sie gibt es genug. Sie können mir folgen?!“ und verzerrt sein Gesicht zur Grimasse während er redet und seinen Kopf so dreht, dass er durch die Brille auf der Nasenspitze durchsieht. „Bringen Sie mir ein Beispiel was als nächstes folgen soll? Sie sind ein kreativer Arbeiter? Ihre Akten lügen nicht, wenn Sie ihre ‚neue’ Arbeitsmoral selbsterfunden haben?!“ - Wieder seine Grimasse. Sein Mund beim Sprechen verzerrt. Er weicht zurück. „Gehen Sie schleunigst an die Schicht. Wir werden bei Ihrer Nachtschicht heute statt in der Schichtpause Brote essen, alle die Zeit einholen,“ wieder ganz nah: „die Sie uns gestohlen haben!“


* *


Die Schweto Tür fällt, von einer Trägheitsfeder gebremst, in ihren Rahmen, wo die Teilchen des  ABUS Nanoloc Schließzylinders sofort einen festen Sperrblock formen um die Tür zu fixieren.
Diese Tür schließt, sie teilt, trennt Jan von der Situation der vergangenen Minuten und lässt wieder Luft in seine Lungen und Haltung in Jan´s Kreuz fahren.
Wie ihm so etwas zuwider war, obwohl auf die Befehlshierarchie der Arbeitswelt getrimmt, vermag er so etwas nicht immer leicht verdauen. Die Sekretärin, über den Rand ihrer, an einer üppigen, um den Hals getragenen Kette gesicherten, Rodenstock Lesehilfe äugend, ist nicht nur ein Symbol für den Unterschied von Arbeiter und Beamtentum, welcher seit der industriellen Initiation bewusst gemacht wird, vielmehr steht sie für all jene, welche im Schatten der Grossen, von ihren Bürositzballen herab, ihre Häme gegen Leute wie Jan richten, obwohl sie eigentlich die Laufburschen beider Parteien sind und nur temporär die Privilegien der Grossen besitzen, werden sie doch ebenfalls gnadenlos für die kleinste Fehlleistung zum letzten Gang zum Personalbüro geschickt.
Es liegt jedoch in der Natur des Menschen sich auf die Seite des Stärkeren zu stellen, sollte dabei auch die Würde in der eigenen Schleimspur stecken bleiben.
Der arrogante Blick von Rita Valens findet jedoch direkt seinen Punkt am Indexboard wieder, als Bernhard-Herzog Kaupers, Abteilungsleitender der Bayer BioScience Faszilitäten, das Foyer betritt, um auf direktem Wege die Tür anzusteuern, welche Jan gerade zugezogen hatte.
Jan lässt es sich auf dem Weg nach draußen nicht nehmen dieser kniepigen Sekretärin einen abschätzenden Blick zukommen zu lassen, wobei er, die Sohlen etwas härter als sonst auftretend, eine Hand nach der Kontaktfläche des Lifts streckt und auf selbigen wartend,
mit einem nun starren, apathischen Gesichtsausdruck gegen ihre „hochgezogene Augenbraue“ Mimik anhält. Da erschallt auch schon aus der von Kaupers nicht richtig geschlossenen Bürotür die barsche Anweisung Hinterfürths: “Der Herr hier hätte gerne einen Bohnenkaffee Frau Valens, meine Wenigkeit übrigens auch!“
Man konnte ihr irgendwie nicht wirklich Böse sein, dachte Jan.

Selten ist Jan so schnell mit dem Lastenfahrrad unterwegs, wie er es nun tut um seinen Schichtraum zu erreichen und die ersten Anweisungen vorzubereiten. „Für heute 13.25UHR steht unser  Schwelbrand Training an, VanGaater!“, fällt ihm Bahlke entgegen. „Weiß ich alles, später...!“, jetzt nur erst mal in den Schichtraum, Sachen ablegen und durchatmen können. Alles andre MUSS jetzt warten...
 Eine Restmenge Adrenalin, welches während des Gesprächs mit dem „Hintern“, von seinem Stresszentrum aufgebaut wurde, befindet sich immer noch in seinem Kreislauf und lässt ihn zügig und hastig agieren.
 Das Schloss des Schichtraums, Meilenweit von der Technologieklasse des ABUS nanoloc  an der Tür von Hinterfürth entfernt, dreht sich nur schwergängig wegen seinem oxydierten Innenleben, doch die Tür ist endlich offen und fliegt auch direkt wieder ins schloss als er „seinen“ Raum betritt.
 Der Raum des Schichtmeisters, DAS Privileg, welchen er sich für die nächsten 12 Stunden mit dem ekelhaften Zigarettengestank, welcher von seinem Vorarbeiter Steffen hinterlassen wurde, teilt. Egal, Jan sackt auf dem Stuhl vor der Memowand zusammen und behält Mantel und Helm an. Nach ca. 20 Sekunden ist das Rauschen in seinem Kopf weg und er nimmt in der Stille des Raumes, abgesehen vom sonoren Brummen der nahegelegenen Verteilerkondensatoren, sein Schnaufen wie ein Tidengetöse war.
„Was für ein Tag...verdammte Scheiße“,  zischt er, sich die Hände unter den Helm schiebend und diesen mit einem Schwung vom Kopf hebelnd um nun seine Aufmerksamkeit den Memos an der Indexwand zu widmen „13.25UHR Schwelbrandtraining...ET 02, Halle 4. Leitende bzw. Gruppenführende Personen bitte mit grünem HELMBAND kenntlich machen.“